Günter Schmatzberger (GS): Ich sitze hier in einem schönen Hotel in Cambridge, England. Gleich neben mir ist Professor Brian Little. Meine Zuhörer kennen Professor Little schon, er hat bereits so etwas wie eine Fan-Community in Österreich. Er der Erfinder oder der Godfather der Personal Projects. Welcome to the show, Brian!

 

Brian Little (BL): Danke sehr, Günter. Ich freue mich sehr, hier zu sein. Ich finde es wirklich interessant, was du in diesem Podcast machst.

 

GS: Brian, du hast für den größten Teil deines Berufslebens Personal Projects beforscht. Aber ist es dazu gekommen gekommen? Wo hast du die Personal Projects entdeckt – oder wo haben sie dich gefunden?

 

BL: Nun, Letzteres ist wahrscheinlich treffender! Wenn ich daran denke, den Ursprung meines Projekts über Projekte zurückzuverfolgen… Ein entscheidender Punkt war, als ich noch Student war und ich auf dem Gebiet der Neuropsychologie arbeitete. Ich war dabei, nach Berkeley zu gehen, um eine Studie über die Gehirne kleiner Nager zu machen. Ich suchte nach einem Atlas des Gehirns, den ich für eine Analyse brauchte, die ich machte. Ich streckte mich in der Bibliothek des Colleges hoch, aber statt des Atlas des Gehirns erwischte ich ein falsch abgelegtes Exemplar eines Buches von George Kelly namens „The Psychology of Personal Constructs“.

 

George Kellys Arbeit, der ich auch viel Platz in „Mein Ich, die anderen und wir“ eingeräumt habe, sieht sich an, wie unser Leben von den persönlichen Konstrukten geformt wird, die wie eine Brille sind, durch die wir die Welt sehen. Manche Menschen sehen die Welt in „Ich habe Macht“, „Er hat keine Macht“, „Ich bin groß, er ist klein“. Andere richten ihren Blick uf „nett“, „herzlich“ … und wir schränken uns auf die Weise ein, in der wir unsere persönlichen Konstrukte erschaffen und verwenden.

 

Also fing ich an zu lesen – es war nicht das, weswegen ich überhaupt in die Bücherei gegangen war. Ich setzte mich auf den Boden und ungefähr sieben Stunden später stand ich auf und sagte: „Ich möchte keine Rattenhirne studieren. Ich möchte die menschliche Persönlichkeit durch die Brille der Theorie der persönlichen Konstrukte studieren!“ Als ich nach Berkeley kam, wechselte ich daher von der Neuropsychologie zur Persönlichkeitspsychologie.

 

Ich hatte tatsächlich die Gelegenheit, George Kelly in Stanford zu besuchen, was von Berkeley gesehen auf der anderen Seite der Halbinsel liegt. Er forderte mich heraus. Ich sagte „Ich bin ein echter Kellyaner!“ und er sagte „Nun, sei kein Kellyaner, sei ein Kelly!“, Was ich für eine wirklich interessante Sichtweise hielt. Also hat er mich herausgefordert, etwas gleich Bedeutsames wie die Personal Constructs zu entwickeln.

 

Als ich nach Hause fuhr, wurde mir klar, dass genauso  wie die Straße, auf der ich unterwegs war – ich war auf dem Weg nach Berkeley – so ist auch unser Leben oft: Da gibt es Highways und Abfahrten, und es sind nicht die Konstrukte, sondern die Projekte, an denen ich arbeitete, die mir besonders wichtig waren. Es war also auf diesem Highway, dass ich anfing, über „erweiterte Akte von persönlich bedeutsamem Verhalten im Kontext“, die Definition von Personal Projects, nachzudenken. Das ist meine Geschichte der Personal Projects – zusammen mit einigen anderen Einflüssen. Sie springen auf dich zu. Wie du sagst – Projekte wählen manchmal dich.

 

GS: Lass uns nun in das Jahr 2018 vorspulen. Was wir über Personal Projects wissen, hat sich verändert. Es hat sich natürlich weiterentwickelt, was wir über uns selbst wissen, darüber, wie unsere Gehirne funktionieren und wie die Persönlichkeit mit Personal Projects interagiert. Aber wie haben sich die Personal Projects an sich verändert? Sind sie anders als zu Beginn deiner Forschung zu Personal Projects? Haben die Menschen heutzutage andere Projekte? Beschäftigen sich junge Menschen mit anderen Dingen als früher?

 

BL: Das ist eine wirklich interessante Frage. Die kurze Antwort lautet: Nein, ich sehe nicht viele [Unterschiede]. Was heißt das Lied … „The fundamental things apply as time goes by.“ Und so werden auch heute Kategorien wie zwischenmenschliche Projekte, Gesundheits- und Körperprojekte, akademische oder Arbeitsprojekte noch genauso häufig angeführt – was nahelegt, dass es eine Art fundamentale Kontante gibt bei der Art von Projekten, die wir verfolgen. Diese sind natürlich von unsererer Phase im Lebenszyklus beeinflusst.

 

Für Universitätsstudenten, die wir oft (wenn auch nicht ausschließlich) studieren, gibt es verschiedene Arten von persönlichen Projekten, die Nancy Cantor „Life Tasks“ [Lebensaufgaben] nennt, die wir als Teil unserer sozialen Erwartungen erfüllen müssen. Ein Universitätsstudent will von seinen Eltern unabhängig werden, will erfolgreich an der Uni sein, will Freunde finden, will sich über seine persönlichen Wünsche klar werden. Jedes Jahr entstehen die gleichen Projekte und versuchen, die Zeit und Ressourcen der Person, die sie verfolgt, zu beanspruchen.

 

Aber wenn man anfängt, die Bewertungen der Projekte zu betrachten, dann fängt man an, einige interessante Sachen zu sehen. Ich habe das noch nicht wirklich untersucht, aber ich bin mir sicher, dass wir es entdecken werden, nämlich: Die Sichtbarkeit der Projekte, die bisher bei einer durchschnittlichen Punktzahl von etwa 6 von 10 ziemlich war. Ich wette jetzt sind diese Projekte, welche die Menschen auflisten, für andere viel sichtbarer – wegen Facebook!

 

Es wäre also sehr interessant zu untersuchen, ob dies bedeutet, dass die Menschen nun auch mehr Unterstützung für ihre Projekte haben. Der Inhalt der Projekte bleibt also ungefähr gleich, aber die Bewertungen können sich im Laufe der Zeit ändern – zumindest in einigen Dimensionen. Einer meiner Doktoranden hat die Ähnlichkeiten in den Bewertungen im Laufe der Zeit untersucht. Die Sichtbarkeit hatte sich bis 1990 nicht geändert. Aber Junge, nach 1990 oder nach Facebook, das war 2005 oder so? Das wäre eine faszinierende Studie, um herauszufinden, ob sich die Dinge dort geändert haben.

 

GS: Facebook ist also irgendwie wie ein Fotoalbum von Personal Projects, oder? Würdest du sagen, dass wir mehr über Menschen erfahren, wenn wir auf Facebook mehr über ihre Personal Projects erfahren?

 

BL: Das ist eine interessante Frage. Wir erfahren sicher mehr über ihre täglichen Aktivitäten. Die Bedeutungen hinter diesen Aktivitäten, deren Beurteilung, denke ich, erfordern aber ein geaueres Hinsehen. Wir haben ironischerweise nur begrenzte Möglichkeiten, uns auf Facebook auszudrücken. Schauen wir uns zum Beispiel das Äquivalent der Projektdimension an, die wir verwenden, wie „Wie viel Kontrolle haben Sie?“, „Wie sichtbar sind sie für andere Menschen?“, „Wie erfreulich sind sie? Wie viel Freude erleben Sie in diesem Projekt? „. Dies sind Dinge, auf die bei Facebook-Statusupdates oft nicht eingegangen wird.

 

Nehmen wir „Ich gehe ins Fitnessstudio.“ Wie geht es dir dabei? Furchtbar! Oder: Super! Oder: „Ich hole meine Tochter in der Schule ab.“ Was denkst du darüber? Ich bin gelangweilt. Oder: Ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen. Ich denke, dass die Kombination des Inhalts des Projekts und der abgegebenen Bewertung wirklich entscheidend ist.

 

Es gibt wirklich deutliche individuelle Unterschiede in der Art und Weise, wie wir ähnliche Dinge bewerten, die wir alle auf Facebook stellen. Also ich denke, da ist mehr dahinter. Wir müssen über eine reine Facebook-Gültigkeit hinausgehen.

 

GS: Aber das würde erklären, warum manche Leute Fotos von ihren Mahlzeiten zeigen, weil sie Sinn darin sehen, während andere es nicht tun?

 

BS: Nun, ich schiele auf einen Facebook-Account, den meine Tochter für mich eingerichtet hat. Ich benutze es nie. Ich benutze Linedin und ich benutze Twitter oft, aber Facebook, nein. Ich muss erst noch ein Foto von meinem Abendessen posten oder davon, wie ich mir die Zähne putze. Aber wenn ich es täte, wäre das sicherlich mit einem absurden Kommentar verbunden, weil es sonst langweilig ist. *lacht *

 

GS: Du hast gesagt, dass sich die fundamentalen Dinge über die Jahre, über die Jahrzehnte, vielleicht nicht einmal über die Jahrhunderte hinweg, sehr verändert haben …

 

BL: Das stimmt, ja. Ich denke, dass es einige grundlegende Dinge gibt, die sich abzeichnen. Dass wir Beziehungen zu anderen aufbauen müssen, dass wir ein zutiefst soziales Tier sind. Die Verbindung zu anderen durch gemeinsame Projekte ist entscheidend. Wir fanden heraus, dass einer der besten Voraussagen für eine langfristige Beziehung ist, wie stark die emotionale Unterstützung von Projekten durch die andere Person ist. Und Projekte zu teilen! Viele denken „Nun, ich brauche meinen Platz und mein Partner braucht seinen Platz.“ Das stimmt bis zu einem gewissen Grad, aber wenn es wirklich nur zwei getrennte Projekt-Systeme sind, die sich niemals gegenseitig berühren und aneinander erfreuen, dann kann das zu Problemen führen.

 

GS: Okay, die grundlegenden Dinge ändern sich nicht. Du hast gesagt, dass es wichtig ist mit der Familie, in Partnerschaften, mit Beziehungen gemeinsame Projekte zu haben, nicht nur unsere eigenen Personal Projects. Was sind deiner Meinung nach die herausforderndsten Aspekte dieser gemeinsamen Projekte in einer Beziehung, in einer Familie?

 

BL: Es gibt tatsächlich einige Forschungen darüber. Eine davon ist eine Forschungsreihe, die zeigt, dass die emotionale Unterstützung des Partners wirklich entscheidend ist. Wir haben das bei Schwangeren studiert – Schwangerschaft als Projekt. Wir haben uns gefragt, welche Faktoren zu einer erfolgreichen Schwangerschaft führen. Wir definierten sowohl subjektive als auch objektive Indikatoren wie die Gesundheit des Babys bei der Geburt, die Apgar-Scores [d. H. der allererste Test an ein Neugeborenes, der direkt nach der Geburt im Geburtszimmer gemacht wird] und die subjektiven Gefühle der Mutter. Der beste Prädiktor für einen erfolgreichen Schwangerschaftsverlauf unter den Projektdimensionen war die emotionale Unterstützung des Partners.

 

Ein paar Jahre später untersuchten wir Unternehmer. Wir haben versucht herauszufinden, was der beste Prädiktor für den Erfolg nach ihrem ersten Jahr ist – wieder mit einer Mischung aus harten Indikatoren, finanziellen Indikatoren und auch der subjektiven Erfahrung wie „Ja, das ist wirklich ein lohnendes Unterfangen!“. Und der beste Prädiktor war die emotionale Unterstützung des Partners! Wir dachten: „Junge, das ist irgendwie faszinierend!“ Denn wenn Unternehmer sagen „Das ist mein Baby!“, ist es vielleicht nicht nur eine bloße Metapher. Vielleicht ist es sehr symbolisch in dem Sinn: „Mensch, es ist zwar hart, und es ist großartig, deine Unterstützung zu haben.“

 

GS: Das führt mich zu zwei Dingen. Das eine ist: Meine Frau ist im Moment schwanger, also hoffe ich, dass ich diese emotionale Unterstützung gebe, um ein erfolgreiches Projekt zu haben. Und die andere Sache ist, dass einer meiner Hörer mir eine Frage geschickt hat. Er ist ein Unternehmer. Er sagte, dass er eine Personal Project Inventur, einen Project Dump gemacht hat. Er hat all seine Projekte aufgeschrieben und er kam innerhalb von fünfzehn oder zwanzig Minuten auf hundert Personal Projects. Er hat mich dann gefragt: „Kann das wirklich sein? Was ist los mit mir, dass ich so viele Personal Projects habe? Und wie kann ich diese riesige Menge an Personal Projects jemals wirklich realistisch managen?“

 

BL: Ja, das ist ein wirklich interessantes Thema. Ich habe Leute gehabt, die auch über hundert Personal Projects hatten. Ich selbst habe über hundert gehabt. Ich habe immer noch ein paar hundert, und ich bin extrem alt. * lach * Ich hatte mal ein paar Kinder, die nicht sicher waren, ob sie irgendwelche Projekte hatten, aber wenn du ihnen ein paar Beispiele gibst, sagen sie „Ah, okay!“. Und sehr alte Leute, die sagen „Du meinst wie: Den Schuppen reparieren?“. Das müssen keine Do-it-yourself-Projekte sein. Das können Dinge sein wie „Schauen, wie es meinem Sohn geht“ oder solche Dinge. Wenn sie einmal verstanden haben, dass persönliche Projekte nicht unbedingt reine Aufgaben sind, sondern das, woran wofür sie sich engagieren – ausgedehnte Aktivitäten im Zeitverlauf im Kontext – und dann kommen sie in zehn Minuten auf etwa fünfzehn Projekte. Wir analysieren nur zehn davon, und einige meiner skandinavischen Kollegen betrachten nur die zwei wichtigsten Projekte in ihrem System.

 

Für diejenigen, die auf viele Personal Projects kommen, würde ich sagen – das ist großartig! Besonders für einen Unternehmer. Weil es eine Art von Offenheit und Engagement für tausend Dinge, die ich verfolgen könnte, zeigt. Eigentlich ist es ein bisschen wie eine Geburt, wenn ich meine Schwangerschaftsmetapher hier fortsetzen darf. Es gibt einen Ansatz, den George Kelly benutzte, wenn er über die Erweiterung von persönlichen Konstrukten sprach. Ich denke, man hat seine Projektsysteme erweitert, wenn man für eine ganze Reihe von Möglichkeiten offen ist. Aber wenn du etwas zur Welt bringen willst, musst du irgendwann auch anschieben. Das ist eine gynäkologische Metapher, und  ich habe als Mann kein Recht, darüber zu sprechen. Aber damit meine ich, dass man sich entscheiden muss, eine Auswahl unter den Projekten zu treffen. Jene aussortieren, die man nicht verfolgen kann, und sie für einen anderen Tag oder für später im Leben aufheben oder für wenn eine bestimmte Person in dein Leben tritt oder du dich für dieses Projekt bereit fühlst. Aber wenn man nicht einschränkt, nachdem man eine ganze Reihe von möglichen „Ichs“ entwickelt hat, die in die eigenen Personal Projects eingebettet sind, wird man nichts fertig bekommen. Und das kann entmutigend sein.

 

GS: Aber was ist mit „faulen“ Leuten? Gibt es faule Menschen, die keine Personal Projects haben, oder haben sie nur andere Personal Projects?

 

BL: Ich denke, faule Menschen haben ihre Projekte, aber sie sind keine Projekte, die von anderen geschätzt werden. Nehmen wir die Videospiel-Kultur, das prototypische Vorurteil der jüngeren Männern im Keller der Eltern und so weiter. Ich denke, es ist ein bisschen unfair, sie nur als faul darzustellen. Sie hatten möglicherweise nur sehr wenige Möglichkeiten, andere Projekte in ihrem Leben zu verfolgen. In der Regel kann man feststellen, dass sich Kinder in Projekte vertiefen, in denen sie sich erfolgreich fühlen. Wirksamkeit – in dem Sinn, dass Projekte gut ausgehen können – ist ein sehr wichtiger Motivator. Ohne ein Gefühl der Wirksamkeit in unserem Leben ist es ziemlich schwer, überhaupt weiterzumachen. Wenn deine äußere Umwelt, deine soziale Ökologie, wie wir sie nennen, dir keine Möglichkeiten bietet, in denen du in ein Gefühl der Wirksamkeit kommen kannst, dann richtest du dich manchmal nach innen. Man kann sich nach innen zum Computer wenden, zu einem Videospiel, in dem Sie nicht nur große Wirksamkeit erfahren, sondern auch immer besser werden.

 

Es ist leicht, das zu belächeln und zu sagen „Get a life!“. Aber in gewisser Weise gibt ihnen dieses Gefühl der Wirksamkeit etwas, an denen sie sich festhalten können. Ich denke, wir müssen etwas verständnisvoller sein, dass das nicht nur eine Art Wegwerf-Leben ist. Es ist ein Leben, das ein großes Potenzial hat, wenn sie sich mit Projekten außerhalb beschäftigen können. Ich denke, wenn du im Keller bist und immer nur Videospiele spielst … ist das kein erfülltes Leben. Vor allem schneidet es dich von echten Begegnungen mit anderen ab. Zweitens vermindert es die Wahrscheinlichkeit, nachhaltige Projekte zu starten.

 

Für mich geht es bei dem ganzen Thema des menschlichen Wachstums nämlich um das nachhaltige Verfolgen von Core Projects im Leben. Und ich wette, du fragst mich jetzt, was ein Core Project ist …

 

Teil 2


GS: Genau. Core Projects sind ein sehr interessantes Thema. Ich denke, dass viele Menschen mit der Unterscheidung zwischen einem „normalen” Personal Project und dem, was ein Kernprojekt ausmacht, Schwierigkeiten haben.

BL: Das ist eine wichtige Frage. Ein Core Project hat mehrere Funktionen. Eine davon ist, dass sie typischerweise einen zentralen Wert berühren, den man im Leben hat. Daher bitten wir Personen, ihre Projekte aufzulisten, und dann machen wir mit ihnen in einem der Analysemodule zwei Arten von Analysen, die wie Leitern aussehen. Auf der rechten Seite ihrer Projekte, fragt eine der Leitern: „Was werden Sie in diesem Projekt konkret tun?“ Sobald sie diese Antwort geben, fragen wir weiter: „Wie werden Sie das konkret tun?“, „Wie werden Sie das tun?” …bis wir zu dem kommen, was wir als „terminisierbare Handlung” bezeichnen. Manche Projekte können jedoch gar nicht so analysiert werden. Etwa „Sensibler sein für die Bedürfnisse meiner Frau“, da kann es schwierig sein, eine Vorschau auf die nächsten konkreten Handlungen zu geben. Aber wir können sie bitten, einige Beispiele dafür anzugeben, wann sie das als nächstes konkret kommunizieren werden und so weiter.

Aber dann, nachdem wir das analysiert haben, gehen wir auf die linke Leiter und die Befragten antworten auf die Frage „Warum engagieren Sie sich in diesem Projekt?“, „Warum machst du dieses spezielle Projekt?“. Die können dann sowas sagen wie: „Weil es meiner Mutter das Gefühl gibt, sich besser zu fühlen.” Und dann fragen wir: „Und warum willst du das?“ „Um meinem Vater eins Auszuwischen”. Nun, zu einigen dieser Antworten haben wir keinen Zugang. Sie sind tief verborgene Aspekte der Person. Es ist genau das „Personal” in Personal Projects, im Gegensatz zu formalem Projektmanagement im Geschäftsleben.

Ein Core Project ist also eines, das sehr eng mit einem Kernwert oder „terminal value“ im Leben einer Person verbunden ist. Der zweite Aspekt von Core Projects: Wir erkennen sie, indem wir uns ansehen, wie jedes einzelne Projekt mit all den anderen Projekten in Beziehung steht. Wir stellen die Frage: „Sollte sich dieses Projekt ändern, welches Ihrer anderen Projekte würde sich dadurch auch ändern?“ Dies kann man in einer Art Matrix abbilden: Projekt A kann Projekt B beeinflussen, Projekt B hat jedoch wenig Einfluss auf Projekt A. Ein Core Project ist also ein Projekt, das, wenn man es ändert, alles andere im Leben mit-verändert. Und wenn man dabei nicht erfolgreich ist, besteht das Risiko, dass das gesamte Projektsystem kollabiert.

Daher besteht ein drittes Merkmal von Core Projects darin, dass wir sehr resistent sind, an ihnen etwas zu ändern. Ein Core Project verleiht deinem Leben eine architektonische Struktur. Bernard Williams, ein Philosoph, hat tatsächlich einen ähnlichen Begriff verwendet, „ground projects” – „Grundprojekt”, ist das richtig?

Ich könnte ein deutsches Volkslied singen, wenn du willst … * singt *

Das Lied macht für mich keinen Sinn. Es ist von einem deutschen Text, den ich im zweiten Studienjahr gelesen habe und ich habe keine Ahnung … Ich denke es bedeutet „Mit rotem Gesicht und feuchter Stirn den Berg hinauf gehe ich.“ Das ist das gesamte Deutsch, das du in diesem Interview vom mir bekommst. * lacht * Das ist eine Premiere! Es ist ein Projekt von mir, eine Aufnahme von deutschen „Liedern“ zu machen. * lacht *

Nun zurück zu deiner ernsten Frage … Oh ja, Grundprojekte. Das ist furchtbar, weil das eine so ernste Definition ist! Ein Grundprojekt ist eines, bei dem man, wenn man keins hat, sich fragt, ob man überhaupt weitermachen soll. Das ist eine sehr tiefgreifende Einsicht, wie ein Grund- oder Core Project uns motiviert, morgens überhaupt aufzustehen. Der tiefgreifende Effekt, wenn man kein Core Project hat – das man vielleicht selbst  gar nicht als solches bezeichnen kann – kann keinen Sinn in seinem Leben sehen und man stellt in Frage, ob es etwas wert ist und wofür es sich lohnt zu leben.


GS: Aus deiner Erfahrung heraus, womit kämpfen Menschen am meisten mit Personal Projects oder Core Projects? Ist es vielleicht, dass viele Menschen sehr wenig über ihre Werte wissen? Aus meiner Erfahrung heraus ist es sehr schwierig, die eigenen Werte zu artikulieren und die konkreten Gründe für all das zu finden, was wir tun. Ist das eine der größten Herausforderungen?

BL: Das ist ein ernstes Problem. Ich denke, dass wir in der vormodernen Zeit, und damit meine ich ab den 1800er Jahren als Moderne, früher mehr vorgezeichnete Leben hatten, die sehr regelbasiert waren. Wir kannten unseren Platz, und wir wussten, was der Sinn Ihres Lebens war, weil wir diese Struktur von religiösen Institutionen oder Stammesgebräuchen oder anderen Strukturen und Regelsystemen erhalten hatten. Das bedeutete, dass man sich nicht entscheiden musste, was man wollte, weil man wusste, was man wollte. Ab der Renaissance und besonders ins 19. Jahrhundert hinein kam es zum Aufstieg der Freiheit, den eigenen Lebensweg zu gehen. Diese große Freiheit führte aber auch zu großer Sorge, nämlich entscheiden zu müssen „Was will ich tun?“ Und „Was sollte ich tun? “

Ich denke, es geht hier um die ganze Frage der Authentizität in unserem Leben. Ich spreche stets über drei verschiedene Arten von Authentizität. Der biogene Einfluss ist jener, wenn man tut, was sich gut für einen anfühlt. Es fühlt sich einfach nach „mir“ an, an diesem Projekt teilzunehmen. Das ist eine biogene Authentizität. Eine soziogene Authentizität ist, wenn man tut, was getan werden sollte, was von einem in dieser Phase des Lebens oder in dieser Kultur, in dieser Familie erwartet wird. Aber es gibt noch einen dritten Aspekt: die ideogene Authentizität, die lautet: „Ich handle so, weil es mit meinen Core Projects in meinem Leben übereinstimmt.“ Das bezieht sich sowohl auf die biogene als auch auf die soziogene Authentizität, aber sie ist von den eigenen Bestrebungen geprägt, durch die eigene einzigartige Sichtweise auf die Welt und den Kontext, mit dem man persönlich umgehen muss. Ich denke, wir hier eine Ausgewogenheit erreichen müssen – und ich denke sogar, dass wir zeitweise ein strategisches Ungleichgewicht benötigen, in denen wir Projekte durchführen müssen, die andere in Unordnung bringen, um unsere Core Projects voranzutreiben.

Also schließen wir Kompromisse. Ich denke, eines der häufigsten Probleme, die Menschen erleben, ist der Konflikt zwischen Projekten. Konflikte zwischen ihren eigenen Projekten und Konflikten zwischen ihren Projekten und denen ihrer Firma oder ihrer Lieben oder ihrer Kinder. Diese Projekte zu managen, um die Konflikte zwischen diesen Projekten zu beheben und gleichzeitig das Gefühl der Authentizität im Leben zu bewahren, ist eine echte Herausforderung.


GS: Du hast etwas Interessantes erwähnt. Es gibt häufig einen Konflikt zwischen Projekten. Nehmen wir als Beispiel den Job. Meine Personal Projects stimmen möglicherweise nicht mit den Zielen meines Arbeitgebers überein. Wie gehen wir mit solchen Situationen um? Gibt es etwas, was wir als Mitarbeiter tun können, oder gibt es etwas, was die Unternehmen tun können, um den Einklang zwischen den Projekten der Organisation und den Projekten der Person zu verbessern?

BL: Das ist eine wirklich tolle Frage. Wir haben Arbeitsprojekte in Organisationen studiert. Meine Frau Susan Phillips und ich haben eine umfangreiche Analyse von Arbeitsprojekten und Nicht-Arbeitsprojekten in Senior Managern und ihren Mitarbeitern in der Privatwirtschaft, im öffentlichen Sektor und im Non-Profit-Sektor durchgeführt. Wir haben etwas Interessantes gefunden. Das ist zwar noch kein echter Einklang, aber es ist etwas, das berücksichtigt werden muss, bevor wir persönliche und Arbeitsprojekte effektiv in Harmonie bringen können. Es ist ein geschlechtsspezifischer Unterschied, oder wir dachten zuerst, dass es ein Unterschied zwischen den Geschlechtern ist.

Wir fanden heraus, dass der einzige Aspekt des persönlichen Projektkontextes, der den Männern im Job wirklich wichtig war, war, dass sie nicht von anderen gestört wurden. Es war im Grunde „Lass mich in Ruhe” -Umgebung, in der sie arbeiten wollen – und dann waren sie glücklich. Bei Frauen war das ganz anders. Was für Frauen in dieser Gruppe wichtig war, war ein Gefühl der Verbundenheit mit anderen: Sind die Projekte, an denen ich in dieser Firma arbeiten muss, so, dass mich mit anderen Menschen zu tun habe?

Nun, wir waren uns völlig bewusst, dass das den Geschlechter-Stereotypen entspricht. Wir haben uns daher gefragt, ob das Ergebnis vielleicht durch einen anderen Blick auf die Daten erklärt werden kann. Wir haben uns also die Zugehörigkeitsdauer der Menschen in den Unternehmen angesehen. Es war sehr interessant, dass die Frauen in diesem Fall eine wesentlich kürzere Zeit dort waren. Wenn man also gerade an einen neuen Arbeitsplatz kommt, sollte man sich Menschen suchen, zu denen man eine Beziehung aufbauen kann. Neulingen ist die Frage „Wie stehe ich mit anderen in Beziehung?” wichtiger als jenen, die schon längere Zeit dort arbeiten. Es kann also gut sein, dass dies nicht nur ein Gender-Effekt, sondern auch ein Newcomer-Effekt in Organisationen ist.


GS: Ich habe noch zwei weitere Fragen. Der erste mit dem ich beginnen möchte: Hast du noch Hinweise oder Tipps für Leute, die an ihren Personal Projects arbeiten? Gibt es etwas, von dem du sagen würdest? „Okay, das möchte ich den Zuhörern zu ihren Projekten noch erzählen?“ Eine Nachricht vom „Godfather“?

BL: Ja, danke für diese Gelegenheit. Hier ist etwas, was ich wirklich in der Zukunft sehe. Ich habe Studenten, die gerade anfangen, daran zu arbeiten, aber ich würde gerne auch andere dazu ermutigen, sich dafür zu engagieren. Eines der Probleme bei der Durchführung von Personal Projects besteht darin, dass sie komplexer sind, als man sie mit einem einfachen Fragebogen abfragen kann. Jeder kann auf meiner Website darauf zugreifen, es gibt eine vollständige PPA [Personal Project Analysis], eine internationale Enzyklopädie für Verhaltens- und Sozialwissenschaften, es gibt ein Beispiel für abgeschlossene PPA-Module usw.

Aber was ich wirklich tun möchte, ist diese multimedial aufzubereiten, damit man visuelle Darstellungen seiner Projekte auf dem Bildschirm bekommt. Also: Dieser kleine Punkt hier ist dein Projekt „Abnehmen”. Dieses Projekt, das durch einen größeren Kreis dargestellt wird, ist „Beziehungen zu meiner Frau intakt halten“. Und dann noch die Zeitachse integrieren. Damit wir in die Zukunft projizieren können. Wir könnten sie mit Farben einfärben, damit gute Projekte grün und schwierige Projekte rot sind. Weißt du, viel mehr online, viel web-freundlicher, interaktiver.

Ich habe sogar einige verrückte ältere Studenten, die jetzt selbst schon „Godfathers” sind, die noch kühnere Ideen haben, wie zum Beispiel virtuelle Umgebungen einzurichten, in denen man ein Holodeck haben kann, wo man seine Projekte symbolisch sehen kann. Wenn man Schwierigkeiten mit seinen Projekten hat, kann man holographische Darstellungen von, sagen wir, Aristoteles, aktivieren, die einen dann in Bezug auf das Projekt beraten würden. Die Technologie ist tatsächlich schon da, um es zu tun. Ich meine, man reaktiviert Aristoteles nicht wirklich – zumindest soweit ich das beurteilen kann, aber das sind ziemlich dreiste Typen. Aber sie versuchen, die Personal Project Analyse zu einem tieferen Erlebnis zu machen, als nur ein Stück Papier auszufüllen. Dort würde ich wirklich gerne Dinge in Bewegung kommen sehen.


GS: Das sind wirklich tolle Ideen! Die moderne IT kann da Vieles beitragen, denke ich. Ich habe noch eine letzte Frage, die mir persönlich am Herzen liegt. Wir beide haben zwei Gemeinsamkeiten. Wir sind beide introvertiert und wir sind beide Lehrer. Also möchte ich dich fragen: Was macht einen großartigen Lehrer, in Gegensatz mit einem guten Lehrer, aus? Und genauer: Was macht einen großartigen introvertierten Lehrer aus?

BL: Ich denke, dass das Lehren für mich eine Leidenschaft ist. Es ist ein Core Project. Und Core Projects zwingen einen oft dazu, außerhalb seines Charakters zu agieren – je nachdem, wie man dieses Lehr-Projekt durchführen will. Für mich sind es Studenten um acht Uhr in der Früh. Ich kann es kaum erwarten, ihnen von etwas Aufregendem zu erzählen, das mich begeistert. Und wenn ich auf meinem Kopf stehen muss, um ihre Aufmerksamkeit zu bekommen oder deutsche Lieder singen, damit jemand diesen Podcast hört, werde ich es tun – selbst wenn ich damit einen Narren aus mir mache. Aber das ist okay. Es macht mir nichts aus. Ich lehre. Ich lehre auf meine Art.

Aber das bedeutet, dass ich außerhalb meines Charakters handeln muss, durch das, was ich „freie Eigenschaften” („free traits”) nenne. Freie Eigenschaften ermöglichen uns ein Verhalten, das mit unseren Core Projects übereinstimmt, das aber gegen unsere natürliche biogene Persönlichkeit wirkt. Ich bin also biogen sehr introvertiert. Aber weil es mein leidenschaftliches Core Project ist, vor vielen Studenten auf einer Bühne zu stehen, verhalte ich mich außerhalb des Charakters und ich vermute, dass du das genauso tust.

Das schenkt einem viel Sinn, aber es bringt auch ein gewisses Maß an Herausforderung mit sich, sich nicht so sehr zu überlasten, dass man nicht mehr in der Lage ist, die Sache am Laufen zu halten. Ich mache gerne kleine Pausen, wenn ich einen dreistündigen Vortrag halte. In der Pause ziehe ich alleine los und verstecke mich. Ich möchte in der Pause mit niemandem reden. Nach dem Vortrag kann man jederzeit gerne mit mir sprechen. Aber zwischen der ersten und zweiten Hälfte der Vorlesung möchte ich raus und an einem Fluss oder etwas Ähnlichem spazieren, um mein Erregungsniveau zu senken.

Ein Extravertierter würde das nicht tun müssen. In der Pause würde ein Extravertierter mit den Leuten reden, weil ihn das in der zweiten Hälfte antreibt und ihm hilft, seine Sache gut zu machen. Also musst du strategisch denken, wie du mit dem umgehst, was ich die „soziale Ökologie“ deiner Eigenschaften nenne.

Wenn es um das Unterrichten geht … Ich glaube, dass Professoren und Lehrer ein bisschen wie Wein sind. Es gibt eine ganze Reihe verschiedener Rebsorten. Ich denke, in gewissem Sinne, um meine Metaphern zu vermischen, denke ich, dass die Aufgabe eines Professors darin besteht, Funken auf leicht entflammbare Studenten zu werfen. Wenn du entflammbare Studenten hast, so wie ich sie sicherlich in Harvard hatte und jetzt hier in Cambridge habe, ist es leicht, ein Feuer zu entfachen. Aber wenn du deine Show steigern musst, um diese Flamme auszulösen … Na gut, dann machst du es! Aber du musst darauf achten, dass du selbst nicht ausbrennst dabei, und das kann das Problem sein.


GS: Danke Brian. Danke für dieses tolle Interview. Danke, dass du dir die Zeit genommen hast, mich hier in Cambridge zu treffen. Es war mir eine große Freude, und ich denke, dass es auch für meine Zuhörer interessantes sein wird.

BL: Dankeschön! Es war mir eine Freude. Ich mag das Projekt, an dem du beteiligt bist. Viel Glück dabei, und ich hoffe, dass deine Zuhörer etwas hon dem Interview. Es ist ein großartiges Projekt. Vielen Dank.


GS: Danke, Brian.

 


 

 

Tipps und Links