[S05E03] Verlust der Eigenzeit (#47)
Staffel 05

 
 
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Worum geht’s in dieser Folge?

 

In der 5. Staffel von [Projekt: Leben] geht es ja um die „Feinde“ unserer Personal Projects, und dieses mal ist ein besonders folgenreicher Feind dran: Der Verlust der Eigenzeit.

Und wie auch schon in der letzten Folge, wo es um die Informationsüberflutung gegangen ist, möchte ich mir auch in dieser Folge ansehen…

  1. Wer ist eigentlich der Feind, und was ist genau das Problem mit ihm?
  2. Wie wirkt sich dieser Feind auf unsere Personal Projects aus?
  3. Was können wir tun? Wie können wir mit ihm umgehen?

 

Wer ist der Feind, und was ist eigentlich das Problem mit ihm?

Also, der Verlust der Eigenzeit… Eigenzeit, das ist ein Begriff, der eigentlich aus der Physik kommt, also genauer gesagt aus der Relativitätstheorie. Ich werde aber jetzt nicht versuchen, euch den Begriff aus Sicht der Relativitätstheorie zu erklären. Mich interessiert der Begriff an sich. Ich borge ihn mir einfach aus. Für mich drückt der Begriff „Eigenzeit” nämlich etwas aus, was wir intuitiv, glaube ich, alle irgendwie spüren:

Dass viele Dinge ihre eigene Zeit brauchen. Dass alles seine Zeit braucht. Dass sich Projekte und Menschen und Beziehungen unterschiedlich schnell entwickeln. Dass man diese Entwicklungen auch nicht wirklich beschleunigen kann, selbst wenn man das gerne möchte. Es gibt ja das Sprichwort, das das Prinzip der Eigenzeit sehr gut ausdrückt: Das Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.

Super Beispiele für Eigenzeit kann an übrigens bei kleinen Kindern finden. Jedes Kind lernt irgendwann gehen, jedes lernt irgendwann sprechen, jedes hat irgendwann alle Zähne. Aber es ist wirklich sehr, sehr unterschiedlich, wie lange das jeweils dauert. Manche Kinder gehen, während andere noch krabbeln, manche haben eine total schnelle sprachliche Entwicklung und bei manchen dauert das eben länger.

Und das Eindrucksvolle ist ja dabei: Das alles dauert seine Zeit, und es gibt nichts, was man tun müsste, um da irgendwas zu beschleunigen. Es hat keinen Sinn, das bringt überhaupt nichts. Im Gegenteil: Das Beste, was man tun kann, ist jedem Kind seine Eigenzeit zu lassen und zu sagen: Das wird schon, früher oder später.

Das Prinzip der Eigenzeit kann man auch gut bei Menschen beobachten, die gerade aufgestanden sind. Manche springen aus dem Bett und sind sofort voll einsatzbereit, und Andere brauchen zwei Stunden, bis sie auf Betriebstemperatur kommen. Auch da gibt es nicht wirklich viel, was man sinnvollerweise tun könnte – oder auch nur tun müsste.

Ich hoffe, ich konnte dir mit den Beispielen gut beschreiben, was ich mit „Eigenzeit” meine.

Das Problem – und damit der Feind unserer Personal Projects – ist jetzt, dass wir Kindern diese Eigenzeit vielleicht noch zugestehen – wobei, auch immer weniger. Aber je älter die Kinder werden, und besonders bei uns Erwachsenen… da gibt es immer weniger Spielräume für Eigenzeit. Wir sind als Erwachsene in unserem Leben ziemlich von außen durchgetaktet.

Warum ist das so?

Naja, eine große Rolle dabei spielt, dass in unserer Gesellschaft viel gehalten wird auf Normierung und Standardisierung. Ich weiß nicht, ob dir das klar ist, aber wir leben in einer sehr, sehr, sehr standardisierten Welt. Viele Prozesse in unserem Leben sind sehr klar vorgegeben und lassen ganz wenig Spielraum für individuelle Gegebenheiten. Klassisches Beispiel ist natürlich die Schule. In einer Klasse mit 20 Kindern bleibt natürlich ganz wenig Zeit für Eigenzeit. Was ja auch klar ist, und das weiß ich auch eigener Erfahrung als Trainer: Wenn du bestimmte Dinge im Unterricht durchbringen willst, dann hast du als Lehrerin oder als Trainer gar nicht die Möglichkeit, dich nach der Eigenzeit jedes Einzelnen zu richten. Du orientierst dich irgendwo an einem Mittelwert, und dabei ist dir völlig klar, dass einige dabei sind, die gedanklich viel schneller sind und dann wie der andere, die weit mehr Zeit zum Mitdenken, zum Nachdenken und zum Nachdenken bräuchten.

Aber: Es geht halt nicht, weil die organisatorischen Rahmenbedingungen nicht gegeben sind. Eigenzeit lässt sich nämlich ganz schwer organisieren und administrieren. Deswegen findet man Eigenzeit auch so selten am Arbeitsplatz. Es ist wohl jedem klar, dass standardisierte Arbeitszeiten Montag bis Freitag von 9 bis 5 nicht für jeden optimal sind. Standardisierte Arbeitszeiten sind das Gegenteil von Eigenzeit. Eigentlich müsste jeder dann in die Arbeit kommen, wenn es für ihn oder sie ideal ist. Und die Anzahl an Stunden arbeiten, die ihr oder ihm möglich sind. Das wird natürlich schwanken. In manchen Wochen gehen vielleicht nur 20 Stunden, in anderen Wochen, wo man super drauf ist, sind vielleicht auch 60 Stunden kein Problem. Aber immer 40, jede Woche über Jahre? Nein, Eigenzeit ist das nicht gerade.

Ich tue mir überhaupt schwer, gute Beispiele für Eigenzeit in unserer Gesellschaft zu finden. In unserer Leistungsgesellschaft – und um die Leistungsgesellschaft geht es übrigens in der nächsten Folge – in unserer Leistungsgesellschaft ist Eigenzeit ein Fremdkörper. Das passt nicht rein, das passt nicht zusammen. Leistung hat viel mit Produktivität zu tun, und Produktivität fußt ganz stark auf Normierung, auf Messbarkeit, auf Standardisierung und Vergleichbarkeit.

Und Eigenzeit ist das genaue Gegenteil davon. Das lässt sich nicht vergleichen, das lässt sich nicht gut managen, das lässt sich nicht planen. Und deswegen passt das Konzept der Eigenzeit so gar nicht zu der gegenwärtigen Gesellschaft, in der wir leben.

Okay, das mal zum Thema Eigenzeit in unserer Gesellschaft. Aber wie sieht es jetzt mit der Eigenzeit in unseren ganz persönlichen Personal Projects aus?

 

Wie wirkt sich der Verlust von Eigenzeit auf unsere Personal Projects aus?

 

Wenn wir jetzt an unsere Personal Projects denken und vor allem an unsere Herzensprojekte… dann glaube ich, dass die ganz stark auf der Idee von Eigenzeit beruhen.

Personal Projects sind, wie der Name schon sagt, personal – also immer individuell. Immer. Nicht nur, weil jeder von uns ganz unterschiedliche Personal Projects hat. Sondern selbst dann, wenn zwei Menschen das gleiche Personal Project haben, dann laufen diese Personal Projects mit unterschiedlichen Eigenzeiten. Weil jeder Mensch unterschiedlich ist, weil sie unterschiedliche Werte haben, weil sich das Leben von einem Menschen überhaupt nicht vergleichen lässt mit dem Leben eines anderen Menschen.

Das gilt ganz besonders für Beziehungsprojekte. Beziehungsprojekte nenne ich jene Personal Projects, wo es kein bestimmtes Ergebnis zu erreichen gibt, sondern wo das Tun an und für sich schon das Ziel des Projekts ist. Das wären z.B. Personal Projects wie „Eine gute Ehe führen” oder „Spanisch lernen” oder „Im Gospelchor singen”. Das sind allesamt Projekte, wo nicht ein bestimmtes Endergebnis vordefiniert ist, sondern die Ergebnisse kommen mit dem Tun.

Ich habe mal eine ganze Folge über den Unterschied von Beziehungsprojekten und Leistungsprojekten gemacht, die verlinke ich dir in den Show Notes, wenn du sie noch nicht gehört hast oder nochmal nachhören möchtest.

Es ist, denke ich, völlig klar und nachvollziehbar, dass Personal Projects und insbesondere Beziehungsprojekte Eigenzeit brauchen. Das dauert alles seine Zeit, da hilft es auch nicht, wenn man hudelt, also versucht, da irgendwas beschleunigen zu wollen. Man könnte sagen: Diese Projekte, und das sind ganz ganz oft unsere Herzensprojekte, die folgen einem eigenen Takt – dem Takt des Lebens.

So weit, so logisch, denke ich. Aber was machen wir Menschen jetzt? Wir vertreiben das bisschen, was wir an Eigenzeit in unserem Leben noch haben, Stück für Stück selbst, weil wir immer wieder etwas ganz ganz Unsinniges tun: Wir vergleichen.

Wir vergleichen alles und jeden. Wir vergleichen immer und überall. Und wir vergleichen auch unsere Personal Projects. Wir wollen Spanisch lernen, weil es uns eigentlich Spaß macht. Und dann sitzen wir im Spanischkurs und denken uns: „Jössas, dieser Streber in der ersten Reihe. Der hat seine Vokabeln aber gut gelernt. Der ist schon so viel weiter als ich.” Oder wir singen eigentlich für unser Leben gern im Gospelchor. Und trotzdem, regelmäßig bei der Chorprobe denken wir uns: „Ach, die Beate… wie DIE singt… so schön… so gut wie die werde ich nie im Leben.”

Kommt dir das bekannt vor? Wahrscheinlich schon.

Aber damit noch nicht genug. Wir vergleichen uns nicht nur mit anderen, wir vergleichen uns auch mit uns selbst. Wir sagen so Sachen wie „Früher war ich viel fitter” oder „Gibt’s ja nicht, dass ich heute mit dem Projekt nicht weiter komme. Gestern ist es ja auch gegangen!” und lauter solche Sachen. Interessant dabei ist ja übrigens, dass diese Vergleiche meistens nicht gerade zu unseren Gunsten ausfallen. Wir haben da einen wirklich lauten Kritiker in uns, der ständig vergleicht und meckert. Aber dazu vielleicht ein anderes Mal mehr.

Jedenfalls: Wir vergleichen uns ständig. Und das Perfide daran ist: Wir tun das fast automatisch und meistens unbewusst. Aber die Konsequenz ist klar: Wir suchen uns andere Menschen und normieren somit unsere Personal Projects ganz von selbst. Wir messen unseren Fortschritt in unseren Personal Projects, indem wir schauen, wie weit andere Menschen mit ihren Personal Projects sind.

Was natürlich völlig sinnlos ist, nämlich total sinnlos und eigentlich ziemlich blöd. Weil wie ich vorher schon gesagt habe: Jeder von uns hat ganz unterschiedliche Personal Projects, und selbst wenn wir die gleichen haben, haben sie ganz unterschiedliche Bedeutungen für uns. Personal Projects sind immer individuell und nicht vergleichbar, überhaupt nicht vergleichbar.

Aber was machen wir? Wir vergleichen das Unvergleichbare und ziehen sozusagen an den Grashalmen, wo wir uns eigentlich nur unsere Eigenzeit zugestehen müssten. Und das Problem ist: Je mehr wir vergleichen, desto unglücklicher werden wir. Indem wir unsere Personal Projects mit den Personal Projects anderer vergleichen, machen wir uns nur unglücklich, sonst nichts. Wir sabotieren uns selbst, indem wir uns unsere Eigenzeit nicht zugestehen. Und das eigentlich ganz ohne Not.

So, das war jetzt mal ein kurzer Rant darüber, wie wir die Eigenzeit aus unseren Personal Projects rausdrängen. Jetzt bleibt natürlich noch die große Frage: Wie können wir etwas mehr Eigenzeit in unser Leben zurückbringen?

 

Was können wir gegen den Verlust der Eigenzeit tun? Wie können wir damit umgehen?

 

Ich glaube, aus dem, was ich vorher gesagt habe, wird eh schon klar, was wir aus meiner Sicht tun müssen: Wir müssen aufhören, uns zu vergleichen – und zwar schleunigst! Nicht mehr  und nicht weniger: Einfach aufhören mit dem Vergleichen.

Wir müssen aufhören, durch dieses Vergleichen unsere Personal Projects selber zu normieren, wo es eigentlich keinen Maßstab gibt. Wir müssen uns die Zeit geben, die wir brauchen, ohne dass wir uns selber Druck machen, weil andere schneller, weiter, höher sind. Wir dürfen uns zugestehen, dass es bestimmte Rhythmen in unserem Leben gibt, dass Zeit und Leistungsfähigkeit sehr individuelle Dinge sind – womit wir wieder bei der Relativitätstheorie wären. Dass müssen wir für uns selbst begreifen, und zwar wirklich begreifen – und das müssen wir auch anderen Menschen zugestehen. Alles hat seine Zeit, und alles braucht seine Zeit.

Aber um ein Missverständnis zu vermeiden: Das bedeutet aber jetzt nicht, dass wir untätig sein sollen. Das bedeutet nicht, dass wir nur warten müssen, bis uns die Dinge in den Schoß fallen, weil wir sie ja eh nicht beschleunigen können. Im Gegenteil: Wir sollen in unseren Personal Projects immer unser Bestes geben. Wir sollen in ihnen arbeiten, wir sollen in unseren Herzensprojekten Probleme lösen und Aufgaben bewältigen. Die lösen sich nicht von selber, die brauchen unsere Tatkraft und unser Engagement. Aber unser Bestes ist eben jeden Tag ein bisschen anders. Mal mehr, mal weniger. Mal geht es schneller, mal geht es langsamer.

Weil, und das dürfen wir NIE vergessen: Wir arbeiten an unseren Personal Projects für UNS. Unsere Personal Projects sind das, was WIR in unserem Leben in die Welt bringen wollen – und nicht deswegen, weil wir uns mit anderen vergleichen wollen. Personal Projects sind kein Wettbewerb! Aber genau das glauben wir, weil ja Facebook und Instagram und Co. auch manchmal so ausschauen wie ein riesiger Personal Projects Contest. Es ist schwer, sich auf Social Media nicht mit anderen zu vergleichen.

Aber es geht in unseren Personal Projects NICHT darum, vor jemand anderem gut dazustehen. Es geht nicht darum, was sich andere über uns und unsere Personal Projects denken. Sondern es geht in unseren Personal Projects um uns ganz persönlich – wie der Name auch schon sagt.

Wenn wir aufhören, uns zu vergleichen, gewinnen wir automatisch etwas Eigenzeit zurück. Stück für Stück, Schritt für Schritt.

Aber, und das ist mir auch völlig klar: Wir werden oft an die Grenzen der Eigenzeit stoßen. Wie gesagt, in unserer Gesellschaft ist Eigenzeit nicht wirklich vorgesehen, und zwar immer weniger. Die Zeit scheint sich immer mehr zu beschleunigen, die gefühlte Fremdbestimmung nimmt zu.

Und trotzdem – oder genau deswegen – sollten wenigstens wir selbst uns die Oasen der Eigenzeit, die wir noch haben, also unsere Beziehungsprojekte und Herzensprojekte, nicht noch selbst trockenlegen.

Alles Gute für deine Personal Projects!

 

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