Worum geht’s in der heutigen Folge?

In der 5. Staffel von [Projekt: Leben] geht es ja um die „Feinde“ unserer Personal Projects, und auch dieses Mal ist wieder so ein Feind dran. Und der Feind heißt heute Individualismus.

Und so möchte ich mir auch in dieser Folge ansehen…

  1. Was ist mit „Individualismus” gemeint, und was ist genau das Problem damit?
  2. Wie wirkt sich Individualismus auf unsere Personal Projects aus?
  3. Was können wir tun, um die negativen Auswirkungen des Individualismus zu mildern?

 

Was ist mit „Individualismus” gemeint, und was ist eigentlich das Problem damit?

Gleich mal eines vorweg: Individualismus an sich, das ist überhaupt kein Problem. Problematisch ist aus meiner Sicht, wenn der Individualismus aus dem Ruder läuft.

Aber zuerst mal: Was ist mit Individualismus gemeint. Naja, kurz gesagt: Individualismus ist das Gegenstück zum Kollektivismus. Kollektivismus funktioniert nach dem Motto: Der Einzelne ist weniger wichtig als die Gruppe. Die Interessen der Gruppe haben immer Vorrang vor den Interessen eines Einzelnen. Auf diese Art und Weise war unsere Gesellschaft über viele Jahrhunderte, ja Jahrtausende, organisiert. Der Einzelne ist Teil der Gruppe und sorgt dafür, dass es der Gruppe gut geht. Das ist die wichtigste Aufgabe, denn das sichert das Überleben von ihm und allen anderen in der Gruppe.

Der Individualismus hingegen ist ein viel jüngerer Gesellschaftsentwurf, der erst im 20. Jahrhundert so richtig Fuß gefasst hat – und das auch vor allem in den so genannten „westlichen Gesellschaften”. Viele Kulturen auf der ganzen Welt sind bis heute stark kollektivistisch geprägt, da sind Sachen wie Familie oder Dorfgemeinschaft oder die Gruppen, von denen man sich als Teil sieht, nach wie vor sehr hohe Güter.

Naja, im Individualismus lautet das Motto: Der Einzelne ist wichtiger als die Gruppe. Die Interessen des Einzelnen müssen sich nicht den Zwängen irgendwelcher Gruppen oder Organisationen oder Autoritäten unterordnen. Jeder ist seines eigenen Glückes Schmied, und jeder kann das tun, was er oder sie will und braucht nicht darauf hören, was die Eltern sagen oder was die Großfamilie sagt oder was die Kirche oder die Partei oder „der Staat” sagt. Diese ganzen gesellschaftlichen Institutionen, also Familie, Kirche, Partei, Pfadfinder, Ortsgemeinschaft und so weiter, die sind im Individualismus ziemlich abgemeldet. Nicht, dass es sie nicht mehr gäbe und dass sie ganz unwichtig wären. Das nicht, das ist auch bei jedem Menschen natürlich ein bisschen anders.

Aber generell lautet das Credo: Wenn du eine Entscheidung in deinem Leben zu treffen hast, z.B. wenn es darum geht, welchen Beruf du ergreifen willst, dann bist in erster Linie du selbst gefordert, die Entscheidung zu treffen. Du hast alle Möglichkeiten, aber du musst selbst auswählen und wissen, was für dich das Beste ist. Deine Eltern schreiben dir nichts vor, der Staat zwingt dich in keinen Job (so wie das im Kommunismus der Fall war), du übernimmst nicht mehr automatisch den Beruf deines Vaters, und auch „die Partei” versorgt dich nicht mehr mit einem sicheren Posten.

Du selbst bist gefordert, dich zu entscheiden und für dich zu wählen. Und das nicht nur bei Ausbildung und Beruf, sondern dein ganzes Leben lang.

Das ist natürlich einerseits eine große Freiheit. Natürlich ist es super, wenn jeder werden kann, was er oder sie will, wenn die Eltern nicht mehr aussuchen, wen man heiratet und wenn man nicht den Pfarrer oder den Bürgermeister oder den Bezirksparteiobmann bei wichtigen Entscheidungen um Erlaubnis fragen muss. Das ist gar keine Frage.

Es geht sogar noch weiter: Ohne die Idee des Individualismus gäbe es auch sowas wie Personal Projects nicht in der Form. In einer kollektivistischen Gesellschaft hätte kaum jemand wirklich eigenen Personal Projects, die allermeisten Projekte wären gemeinsame Projekte, da wäre wenig Privates dabei. Dass wir uns überhaupt mit Personal Projects auseinandersetzen dürfen, ist ein Geschenk des Wandels in unserer Gesellschaft vom Kollektivismus hin zum Individualismus.

Aber: Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Weil es ist jetzt nämlich Folgendes: Diese Freiheit, selbst entscheiden zu dürfen, sich selbst seinen Lebensweg und seine Personal Projects aussuchen zu können… das ist gleichzeitig auch ein Fluch: Du MUSST alle Entscheidungen in deinem Leben selbst treffen. Ja, du kannst deine Eltern und den Bürgermeister und den Pfarrer oder wen auch immer natürlich um Rat fragen. Aber entscheiden, das musst du selber. Niemand nimmt dir das ab. Und damit trägst du auch die alleinige und die volle Verantwortung für deine Entscheidungen! Wenn du eine Entscheidung triffst und die stellt sich im Nachhinein als falsch heraus… naja, selber schuld. Erwarte dir nicht allzu viel Mitleid. Du bist gefordert, das selber wieder auszubügeln.

Und genau da sind wir beim Knackpunkt und beim Problem mit dem Individualismus: Einerseits ist das eine riesige Freiheit, die uns viel ermöglicht – viel mehr als z.B. noch der Generation meiner Großeltern. Und andererseits stehen wir damit oft sehr allein da. Wir sind gefordert, ja gezwungen, dass wir selbst unser Leben zu einer Erfolgsgeschichte machen. Wir haben ja alle Möglichkeiten, oder? Wir können uns ja frei entscheiden, nicht? Na dann gibt es ja auch keine Ausreden.

Und das erzeugt einen riesen, riesen Druck.

Und damit sind wir auch schon bei der Frage:

 

Wie wirkt sich Individualismus auf unsere Personal Projects aus?

Wie gesagt: Im Individualismus geht es darum, dass der Einzelne etwas Besonderes ist und wichtig ist. Das ist grundsätzlich nicht schlecht. Was aber schlecht ist, ist, wenn der Individualismus aus den Fugen gerät. Dann wird wird das Besonders-Sein nämlich zur Pflicht. Du MUSST etwas Besonderes sein. Du musst dich von den Anderen unterscheiden. Du musst einzigartig und authentisch sein und so weiter.

Das gilt natürlich auch für unsere Personal Projects. Nehmen wir so ein vermeintlich simples Personal Project wie „Einen neuen Job suchen”. Unvermeidlicher Teil so eines Projektes ist das Bewerbungsgespräch. Und was ist eine Standardfrage von so einen Bewerbungsgespräch? „Warum sollten wir ausgerechnet Sie nehmen?”

„Warum sollten wir ausgerechnet Sie nehmen?” – Das ist eine typische Frage des Individualismus. Naja, warum schon? Einfach nur zu sagen „Weil ich meine Arbeit gut machen werde.” – das reicht nicht. Das ist paradox, aber das reicht nicht. Von der Bewerberin in dem Gespräch wird erwartet, dass sie da jetzt etwas Besonderes zu sagen hat, etwas, das sie von allen anderen Mitbewerberinnen unterscheidet. Aber was soll man denn da schon groß sagen? Sooooo einzigartig ist jeder von uns dann auch wieder nicht, vor allem dann nicht, wenn sich mehrere Menschen um den gleichen Job bewerben. Man kann davon ausgehen, dass die eher mehr gemeinsam haben als dass sie unterscheidet.

Aber genau dieser Anspruch, dass wir als Person und mit unserem Leben etwas „Besonderes” machen wollen (oder müssen), das erzeugt viel Druck. „Einfach nur normal sein”, das reicht nicht. Normal ist fad, normal ist unkreativ, normal ist das Gegenteil von erfolgreich.

Und so suchen wir uns Personal Projects, die unsere Individualität unterstreichen. Die uns zu etwas Besonderem machen sollen. Und ich rede da jetzt nicht von den Projekten, wo es darum geht, dass wir vielleicht ein ausgefallenes Hobby haben, das uns Spaß macht. Das ist schon in Ordnung.

Es geht mir darum, einen kritischen Blick auf unsere Personal Projects zu werfen und uns zu fragen: Welche dieser Projekte dienen in erster Linie dazu, mich und meine Person als etwas Besonderes zu inszenieren? Wo geht es uns vor allem darum, Aufmerksamkeit zu erzeugen, gut dazustehen und anderen zu signalisieren: Schau, ich hab da coole Personal Projects, also bin ich sehr erfolgreich unterwegs in meinem Leben. Schau, schau, schau, wie individuell ich nicht bin.

Und das ist gar nicht so einfach! Nämlich, diesen kritischen Blick einzunehmen, einen Schritt zurückzutreten und da mal eine Selbstreflexion vorzunehmen.

Das gilt natürlich auch für mich selbst. Nehmen wir ein Herzensprojekt von mir, das du auch kennst: nämlich diesen Podcast. Es tut auch mir immer wieder gut, mich zu fragen und mir immer wieder bewusst zu machen: Worum geht es mir in diesem Projekt eigentlich wirklich? Mache ich es in erster Linie deswegen, weil ich meine Kreativität ausleben möchte, weil da etwas aus mir selbst heraus will? Oder gibt es da und dort Aspekte, wo es in erster Linie um die Wirkung nach außen geht, nach dem Motto: Schaut, wie cool individuell ich bin, ich habe einen Podcast!

Denn diese Motivation halte ich für sehr schädlich für unsere Personal Projects. Und dagegen sollten wir etwas tun.

 

Was können wir tun, um die negativen Auswirkungen des Individualismus zu mildern?

Tja, im Grunde geht es darum, nämlich vor allem bei unseren Herzensprojekten: Weniger Schein, mehr Sein. 

Und das bedeutet auch, dass uns die Außenwirkung unserer Herzensprojekte viel mehr egal sein muss als das oft der Fall ist. Der Individualismus hat es mit sich gebracht, dass wir bei vielen unserer Herzensprojekte die Außenwirkung ganz automatisch mitdenken und mit-kalkulieren. Also, wir fragen uns: Wie schaut das denn aus, wenn ich das oder jenes Personal Project mache? Was werden die anderen denken? Kann ich, darf ich, soll ich?

Denn das Paradoxe ist ja: Wir werden zwar immer individualistischer in unserer Gesellschaft, aber die Meinung der anderen ist uns nach wie vor sehr, sehr wichtig. Ganz können wir uns von unseren kollektivistischen Wurzeln scheinbar doch nicht lösen. In Wahrheit ist da natürlich überhaupt niemand, der uns ein Personal Project „verbieten” würde. Da ist niemand, der daher kommt und sagt: Günter, das darfst du nicht! Die Stimme kommt rein aus unserem Kopf. Da sitzt wer und überlegt sich den ganzen Tag, wie das, was wir tun, auf die Welt um uns wirken könnte und ob oder nicht es zu unserem coolen, individuellen Bild von uns selbst beträgt.

Aber eines ist auch klar: Wenn man bei seinen Personal Projects immer die Meinung der anderen im Auge hat, dann macht uns das mitunter Angst. Nämlich Angst, in den Augen der anderen falsch zu entscheiden, Fehler zu machen oder gar zu versagen. Und das bedeutet dann im schlimmsten Fall, dass wir sehr lohnenswerte Personal Projects gar nicht in Angriff nehmen, weil sie uns zu riskant sind. Dafür beschäftigen wir uns dann lieber mit Sicherheitsprojekten, die wir gut können und wo wir gut da stehen.

Angst ist ein schlechter Ratgeber, heißt es. Und die Versagensangst ist ein besonders schlechter. Aber eines muss uns klar sein: Wer die Freiheit der Wahl hat, der zahlt als Preis ganz automatisch das Risiko der Fehlentscheidung. Das ist im Paket dabei. Individualismus und Sicherheit, das geht nicht zusammen. Individualismus lebt vom „trial and error”. Und das geht nicht nur mir oder dir so, sondern uns allen. Diesen Preis der Freiheit zahlen wir alle gleichermaßen.

Und wenn wir das erst mal begriffen haben, dann haben wir vielleicht die Chance, uns zu lösen von dem  Anspruch, etwas Besonderes sein zu MÜSSEN, erfolgreich sein zu MÜSSEN oder keine Fehler machen zu dürfen. Das täte uns gut, und das täte unseren Personal Projects sehr, sehr gut. Weniger Angst, mehr Tun. Weniger Schein, mehr Sein.

Oder, wie es im bekannten Buch von Alexandra Reinwarth heißt: Am A… vorbei geht auch ein Weg.

Alles Gute und viel Erfolg mit deinen Personal Projects!

 

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Hör dir den Podcast gleich an!

[S05E05] Individualismus (#49)
Staffel 05

 
 
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