Worum geht’s in dieser Folge?

In der 5. Staffel von [Projekt: Leben] spreche ich ja um die „Feinde“ unserer Personal Projects, und der Feind, den ich mir in dieser Folge vornehme, ist FOMO – Fear Of Missing Out, oder die Angst, etwas zu verpassen.
Und so möchte ich mir auch in dieser Folge wieder ansehen…

  1. Was bedeutet FOMO genau, und was ist eigentlich das Problem damit?
  2. Wie wirkt sich FOMO  auf unsere Personal Projects aus?
  3. Was können wir tun, um mit FOMO in unseren Personal Projects besser umzugehen?

Was bedeutet „FOMO“ genau, und was ist eigentlich das Problem damit?

FOMO ist die Abkürzung, also das Akronym, von „Fear Of Missing Out“ – also die Angst, etwas zu versäumen. Gemeint ist damit, dass wir Menschen darunter leiden, wenn wir das Gefühl haben, wir sind bei etwas nicht dabei – und genau dort, wo wir jetzt nicht dabei sind, könnte etwas passieren oder besprochen werden, was für uns eigentlich ganz, ganz immens wichtig wäre. FOMO tritt also dann auf, wenn du z.B. zur Vereinssitzung nicht gehen kannst, weil du krank bist. Wer weiß, was du da versäumst! Oder wenn du an einem Abend entweder zur Geburtstagsparty deines Freundes oder zum Konzert deiner Lieblingsband gehen kannst: Egal, wie du dich entscheidest, du wirst unter FOMO leiden, weil du notgedrungen etwas verpasst. Also die Angst, etwas zu verpassen, ist auch die Angst, dass wir die falschen Entscheidungen treffen und uns im Nachhinein denken: Wäre ich nicht doch besser zum Konzert gegangen und nicht zu dieser öden Party! Oder eben auch umgekehrt: Wer weiß, wie viel Spaß meine ganzen Freunde bei der Party haben, und ich steh da allein in der stickigen Konzerthalle. Und das natürlich umso mehr, wenn du während des Konzerts auf Facebook ein lustiges Foto von der Party gepostet siehst. Und jedes weitere lustige Foto befeuert deine Zweifel. Aber wiederum auch umgekehrt: Wenn du bei der Party bist und währenddessen nur mal kurz Facebook checkst und da siehst du ein Livevideo vom Konzert… Naja, du kannst dir wahrscheinlich denken, was dann passiert.

Dabei ist FOMO längst kein neues Phänomen, das durch Social Media entstanden wäre. Nein, FOMO gibt es im Grunde schon so lange es Menschen gibt. Soziale Interaktionen sind für uns Menschen unerlässlich. Wir brauchen sie zum Leben genauso notwendig wie Nahrung. Die Angst vor dem Alleinsein, also die Angst, etwas wichtiges in den sozialen Gruppen, in denen man sich bewegt, etwas Wichtiges zu versäumen… ja, das war eine Art Überlebensschutz!

Diese Zeiten sind natürlich vorbei, und FOMO ist keine Frage des Überlebens mehr. Und dennoch ist FOMO heute weiter verbreitet denn je. FOMO verstärkt sich nämlich durch die modernen technischen Geräte (ja klar, ich meine das Smartphone) und dem schnellen Zugang zu Informationen über die sozialen Gruppen, in denen wir uns bewegen (und ja, ich meine damit Facebook und Instagram und die anderen üblichen Verdächtigen). Social Media macht es so wahnsinnig einfach, uns mit anderen zu vergleichen. Und das Vergleichen ist der ideale Nährboden für FOMO. Nach dem Motto: Warum ist mein eigenes Leben eigentlich so langweilig?

FOMO ist, und das muss uns bewusst sein, eine diffuse Angst. Also keine Angst vor etwas Bestimmten, vor einer bestimmten Gefahr (wie zB Flugangst oder die Angst vor Spinnen), sondern eben diffus. Diese Angst hat keinen eindeutigen Auslöser, keinen bestimmten Grund und auch keine konkrete Bedrohung. Und genau das macht diffuse Ängste so gefährlich. Aber mehr zu diffusen Ängsten dann in der übernächsten Podcast-Folge.
Bleiben wir für heute bei der FOMO und schauen wir uns als nächstes an:

Wie wirkt sich FOMO auf unsere Personal Projects aus?

Grundsätzlich gilt ja: Angst ist ein schlechter Ratgeber, besonders bei unseren Personal Projects. Und die Angst, etwas zu versäumen, macht da keine Ausnahme.

Mir kommt vor, dass FOMO wie eine Art Brandbeschleuniger wirkt. Die Herausforderungen, die wir mit Personal Projects haben und über die ich in den vorigen Episoden dieser Staffel schon gesprochen habe, die werden durch FOMO nochmal verstärkt. Was ich damit meine, möchte ich euch an drei Beispielen zeigen.

(1) Wir haben ja schon gesagt, dass das Vergleichen mit Anderen – und damit auch das Vergleichen unserer Personal Projects mit den Personal Projects anderer – uns und unseren Personal Projects viel mehr schadet als nützt. In der Folge über den Verlust der Eigenzeit habe ich das schon genauer besprochen. FOMO verstärkt natürlich unser Drängen, uns zu vergleichen – weil schließlich wollen wir nicht mit Personal Projects unsere Zeit verschwenden, wenn andere mit anderen Personal Projects viel glücklicher zu sein scheinen. Aber das ist natürlich völliger Unsinn. Wir vergleichen nämlich, was nicht zu vergleichen ist – und FOMO gibt uns dafür scheinbar die Legitimation.

(2) In der letzten Folge, wo es um den Verlust der Stille gegangen ist, habe ich ja gesagt, dass wir die wenigen Momente der Stille, die wir eigentlich hätten, uns oft selber zerstören, indem wir uns mit irgendwelchen Nichtigkeiten von der Stille ablenken. Und FOMO ist genau der Grund dafür. Während wir nämlich still sein könnten, haben wir Angst, was wir durch das Stillsein versäumen könnten. Was passiert derweil auf Facebook? Welche Podcasts könnte ich in der Zwischenzeit hören? usw. Seltsamerweise haben wir aber kein FOMO, wenn es um die Stille geht. Wir haben keine Angst vor dem, was wir versäumen, wenn wir zu wenig still sind. Nur umgekehrt. Und das tut, wie gesagt, unseren Personal Projects – und ganz besonders unseren Herzensprojekten – nicht gut. Weil die brauchen Stille wie die Blumen den Regen.

(3) FOMO verhindert, dass wir uns festlegen. FOMO verhindert, dass wir Entscheidungen treffen – weil wir uns nicht endgültig festlegen wollen. Eben weil wir Angst haben, dass wir uns mit einer Entscheidung die ganzen anderen Möglichkeiten vergeben, gegen die wir uns entscheiden würden. Über dieses Problem habe ich in der allerersten Staffel des Podcasts eine Folge gemacht mit dem Titel „Im Rausch der Optionen“. Wenn du Lust hast, kannst du darin gerne nachhören, wie die Angst vor der Auswahl (und damit natürlich die Angst, dass wir etwas versäumen), viele unserer Personal Projects nie abschließen oder andere Personal Projects gar nie starten oder bei anderen Personal Projects laufend auf der Stelle treten.

Diese drei Beispiele sind natürlich nicht umfassend für die Probleme, die FOMO in unseren Personal Projects erzeugt. Aber ich denke, sie zeigen schon, dass wir es da mit einem mächtigen Feind zu tun haben, vor dem wir unsere Personal Projects so gut wie möglich schützen sollten. Die Frage ist aber: Wie?

Was können wir tun, um mit FOMO in unseren Personal Projects besser umzugehen?

Ich denke, hier schadet ein kleiner Reality Check nicht. Die Angst, etwas zu versäumen – gerade was soziale Beziehungen betrifft -, die ist tief in unserem Gehirn verwurzelt. Die werden wir nicht los. Ich bin mir nicht mal sicher, ob irgendwelche Zen-Möche, die abgeschieden in einen Kloster leben und den ganzen Tag meditieren, ob nicht auch diese Zen-Mönche nicht immer wieder mal FOMO haben und sich denken: Meine Güte, das Leben hier ist schon ziemlich langweilig. Ich hätte wahrscheinlich doch besser in meinem Dorf bei meiner Familie bleiben sollen. Kann sein, dass sich auch die sowas in der Richtung denken. Also, ich glaube, wir werden FOMO nicht los. Was wir aber versuchen können, ist, FOMO so weit in den Griff zu bekommen, dass sie uns nicht zu sehr schadet und ablenkt von dem, was eigentlich wirklich wichtig ist in unserem Leben.

Und wenn ich schon bei Expectation Management bin… Da möchte ich gleich auch noch was erwähnen, das ich für völligen Quatsch halte. Nämlich das angebliche Gegenteil von FOMO, das nennt sich JOMO – The Joy Of Missing Out. Also die Freude daran, etwas zu versäumen. Das ist die Idee, dass man es genießen kann und soll zu wissen, was man in seinem Leben alles so versäumt. Also sich nicht davor fürchten, sondern sich darüber freuen! Und das halte ich, mit Verlaub, für Quatsch. Was für ein illusorischer Anspruch, dass wir Menschen uns über etwas freuen sollen, das uns entgeht. Schön wär’s, aber so funktioniert das menschliche Gehirn und das menschliche Belohnungssystem nicht. Wir können über das, was wir verpassen, keine Freude empfinden. JOMO ist aus meiner Sicht also kein geeignetes Mittel gegen FOMO, sondern im Gegenteil macht uns nur noch mehr Druck, weil wir glauben, dass wir uns über etwas freuen können sollten und es dann – Überraschung, Überraschung! – nicht schaffen.
Also mein Vorschlag: Vergessen wir JOMO und bleiben wir bei FOMO, damit haben wir genug zu tun.

Na gut, also was hilft gegen FOMO – und zwar im Rahmen des Menschenmöglichen?

Vier Tipps hätte ich. Oder eigentlich sind es keine Tipps, sondern eher Ideen, die dir vielleicht dabei helfen, weniger FOMO aufkommen zu lassen, weil du dich einfach weniger Gelegenheiten aussetzt, FOMO auftreten zu lassen. Ich komme damit wieder auf das zurück, was ich in der Folge über Informationsüberflutung gesagt habe: Wir müssen unsere eigenen Kuratoren sein. Wir müssen also selbst Verantwortung übernehmen für die Informationen, die wir in unser Leben lassen. Und dazu gehört auch, jene Informationen, die bei uns FOMO auslösen, so weit wie möglich gar nicht in unser Leben zu lassen.

Und für diese Aufgabe als Kuratoren hätte ich also vier Anregungen:

(1) Und das hat natürlich mit Social Media zu tun: Die Ablenkungen reduzieren. Also: Notifications ausschalten, Klingeltöne abschalten, Handy weglegen. „Aus den Augen, aus dem Sinn“, ist hier das Motto. Gelegenheit macht Diebe, und wenn wir uns selbst weniger Gelegenheiten für Ablenkung bieten, dann haben wir auch weniger Gelegenheit für FOMO.

(2) Dieser Tipp geht in dieselbe Richtung: Wir müssen ja nicht ganz ohne E-Mail und Facebook und Konsorten auskommen, aber wie wäre es mit fixen e-Mail-Öffungszeiten? Oder fixen Facebooköffungszeiten? Also z.B. kein e-Mail vor 10 Uhr? Oder kein Social Media mehr nach 20 Uhr? Oder Facebook nur um 12 Uhr und um 15:30 checken? Also bewusste Grenzen einziehen – und, und das ist das Wichtigste, sich auch dran halten. Dafür ist natürlich Voraussetzung, dass die Beschränkungen für dich auch wirklich machbar sind. Wenn du bisher fünfmal in der Stunde auf Facebook warst, dann kannst du nicht von dir verlangen, dass du von heute auf morgen Facebook nur mehr einmal am Tag checkst. Das wird nicht funktionieren. Aber vielleicht einmal pro Stunde und nicht fünfmal? Das wäre ja schon ein riesiger Fortschritt.

(3) Und das gilt für alle Ängste, die wir bekämpfen wollen: Wir brauchen Selbsterkenntnis und Selbstbeherrschung. Selbsterkenntnis, dass wir erkennen, dass FOMO in unserem Leben tatsächlich ein Problem ist. Und dann natürlich die Selbstbeherrschung, der FOMO eben nicht nachzugeben – nämlich auch dann nicht, wenn wir uns in Stresssitutationen befinden und Facebook so verlockend wäre. Wenn wir Facebook-Öffnungszeiten mit uns selbst vereinbart haben, dann brauchen wir auch die Disziplin, uns daran zu halben. Gleich wieder eine Notiz an mich selbst…

(4) Wir müssen uns immer wieder bewusst machen, dass wir unsere eigene Wichtigkeit systematisch überschätzen. Wir sind nicht so bedeutend, wie wir glauben – und damit ist auch das, was wir da potenziell alles versäumen könnten, mit großer Sicherheit ziemlich unbedeutend bis völlig egal. Wir werden mit fast 1000%iger Sicherheit nichts Wichtiges versäumen, wenn wir Facebook mal einen Tag oder gar eine Woche nicht checken. Wir werden nichts verpassen, denn auf Facebook geht es nicht um Leben oder Tod – zumindest nicht um UNSER Leben und UNSEREN Tod.

Ich denke, wenn wir diese vier Dinge berücksichtigen, haben wir viel gegen FOMO unternommen. Und dennoch: Es ist ein mächtiger Feind unserer Personal Projects, dem wir uns da stellen wollen. Und er hat mächtige Verbündete. Denn eines muss uns klar sein: Unternehmen wie Facebook leben von unserer FOMO. Das Geschäftsmodell von Facebook basiert auf FOMO. Und Facebook verdient mit unserer FOMO hervorragend. Im 4. Quartal 2018 hat Facebook 17. Mrd. Dollar Umsatz gemacht. 17 Mrd. Dollar Umsatz in nur 3 Monaten! Und wir können uns sicher sein, dass Facebook alles unternehmen wird, um unsere FOMO zu fördern und weiterhin damit gutes Geld zu machen. Aber: Willst du DAZU deine Hand reichen?

[S05E07] FOMO – Die Angst, etwas zu verpassen (#51)
Staffel 05

 
 
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