[S05E10] PHILOSOPHICUM: Die Ökonomisierung unseres Lebens (#54)
Staffel 05

 
 
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Worum geht’s in dieser Folge?

Diese Folge ist wieder mal ein Philosophicum, und zwar das Philosophicum zur 5. Staffel von [Projekt: Leben], in der es ja um die „Feinde“ unserer Personal Projects geht. Im Philosophicum versuche ich immer, ein bisschen über den Tellerrand hinauszuschauen und mir über philosophischere Themen ein paar Gedanken zu machen.

Und für dieses Philosophicum habe ich mir ein aktuelles Phänomen ausgesucht, das nennt sich „die Ökonomisierung unseres Lebens“.

Und das ist, das sage ich gleich vorweg, ein ziemlich schwieriges Thema. Schwierig deshalb, weil es gar nicht so einfach ist zu erklären, was damit gemeint ist. Und trotzdem ist es allgegenwärtig. Aber die Schwierigkeit dabei ist, dass es so präsent ist, dass uns oft gar nicht auffällt – weil es für uns völlig „normal“ ist, so wie es ist und so wie wir leben. Die Ökonomisierung versteckt sich also sozusagen vor unseren Augen. Und dennoch – oder gerade deswegen – möchte ich in dieser Folge den Versuch starten, anhand eines Beispiels zu zeigen, wie ökonomische Motive (und ökonomisch heißt hier nichts anderes als wirtschaftlich) unser Leben beeinflussen. Möge der Versuch gelingen!

Was bedeutet „Ökonomisierung“?

Ich schlage vor, wir starten mal ganz am Anfang. Ich erkläre mal, was mit „Ökonomisierung“ eigentlich gemeint ist.

Ökonomie, das ist nichts anderes als ein Fremdwort für Wirtschaft. Und Ökonomisierung ist also sowas wie eine „Verwirtschaftlichung“, in dem Fall eine Verwirtschaftlichung unseres Lebens. Gemeint ist damit, dass immer mehr Bereiche in unserem Leben, also Beziehungen, Bildung, Gesundheit, gesellschaftliches Engagement, Freizeit etc., dass immer mehr dieser Bereiche einer Logik folgt, die eigentlich aus dem Wirtschaftsbereich kommt. Dass Denkweisen und Handlungsweisen, die eigentlich ihren Ursprung in Unternehmen und in der Betriebswirtschaftslehre haben, auch auf Lebensbereiche angewendet werden, die vordergündig gar nichts mit Wirtschaft zu tun haben. Ich werde euch dazu noch ein Beispiel geben, aber das mal zur Erklärung im Groben.

Jetzt schauen wir uns mal an: Welche Denkweisen und Handlungswiesen sind es denn, die da vom Wirtschaftsleben auf unser gesamtes Leben umgelegt werden?

Naja, da wäre zuerst mal (und am wichtigsten) das so genannte „ökonomische Prinzip“, oder auch „Wirtschaftlichkeitsprinzip“. Das ökonomische Prinzip kennt im Grunde jeder, aber wahrscheinlich nicht unbedingt unter diesem Namen. Im ökonomischen Prinzip geht es um nichts anderes als das Verhältnis von Input und Output, also von dem, was man einsetzt (der Input) und das was man rausbekommt (der Output). Und die Logik des ökonomischen Prinzips ist jetzt folgende: Wirtschaftlich ist etwas, wenn ich mit möglichst wenig Aufwand möglichst viel Output bekomme. Also zum Beispiel: Wenn ich mit möglichst wenig Lernaufwand eine gute oder sogar sehr gute Note bekomme. Das wäre aus Sicht der Ökonomie wirtschaftliches Handeln. Oder wenn ich um möglichst wenig Geld eine supertolle Urlaubsreise buche. Denn in der Ökonomie geht es im Grunde um nichts anderes als zu schauen, dass wir möglichst immer wirtschaftlich und möglichst selten unwirtschaftlich handeln.
Wobei „wir“ in dem Fall eigentlich ein bisschen ungenau ist. Denn ursprünglich geht es der Ökonomie darum, dass Unternehmen möglichst wirtschaftlich handeln. Also z.B. mit möglichst wenig Mitarbeitereinsatz möglichst viel Gewinn machen. Das wäre das ökonomische Prinzip in einem Unternehmen.

Aber man kann das ökonomische Prinzip auch auf Menschen und das Leben von Menschen umlegen. Und so gesehen bedeutet Ökonomisierung des Lebens, dass diese Logik von Input und Output, die in einem Unternehmen gilt, auch auf den einzelnen Menschen und unser Leben umgelegt wird. Dass also die Frage, ob etwas „wirtschaftlich“ ist oder nicht, immer mehr unserer Lebensbereiche und Lebensentscheidungen (und damit nichts weniger als unsere Personal Projects und unsere Herzensprojekte) beeinflusst.

So, jetzt ist es aber höchste Zeit für ein Beispiel, damit ihr euch das besser vorstellen könnt.

Ein sehr anschauliches Beispiel, wie ich finde, ist die Ökonomisierung im Bereich der Bildung. Und damit ist nicht gemeint, dass irgendwelche Firmen in den Schulen Werbung aufhängen und die Schulen dafür Geld bekommen. Oder das Hochschulen immer mehr angewiesen sind auf Forschungsprojekte, die von Unternehmen finanziert oder mitfinanziert werden. Nein, das mag eine Folgeerscheinung sein, aber darum geht es mir nicht. Worum es mir geht, ist viel grundsätzlicher. Und es oft schon so „normal“, dass es uns gar nicht mehr auffällt.

In Österreich haben wir derzeit eine Wirtschaftsministerin, die heißt Margarete Schramböck. Margarete Schramböck ist von der ÖVP, also einer traditionell eher Unternehmer-freundlichen Partei, und Frau Schramböck selbst ist erst seit Kurzem Politikerin, sie ist Quereinsteigerin und hat zuvor lange Zeit in der Telekommunikationsbranche gearbeotet. Naja, jedenfalls hat Frau Schramböck unlängst in einem Interview gemeint, dass die Gymnasien in Österreich „am Markt vorbei“ produzieren. Gemeint hat sie damit wohl, dass das, was die Schülerinnen und Schüler in einem Gymnasium lernen, nicht das ist, was die Unternehmen später von ihren zukünftigen Mitarbeiterinen und Mitarbeitern brauchen. Dass man also im Gymnasium das Falsche für den späteren Berufseinstieg und den beruflichen Erfolg lernt – Stichwort Fachkräftemangel.

Naja, dieser Aussage kann man jetzt grundsätzlich zustimmen oder nicht, da gibt es Für und Wider. Wie immer geht es mir in diesem Podcast nicht um eine politische Diskussion, sondern es geht mir darum, dass diese Aussage, nämlich dass „Schule am Markt vorbei produziert“, ein gutes Beispiel ist für die Ökonomisierung eines Lebenbereiches, in dem Fall der Bildung. Was da nämlich passiert, ist, dass die Schulbildung unserer Kinder (also sozusagen der Input) reduziert wird auf die Frage: Kommt da der richtige Output raus? Und noch genauer: Kommt da der richtige Output für unsere Unternehmen heraus?

Wenn man so argumentiert, dann lässt man klarerweise viele Dinge völlig weg, die in einer Schule passieren oder passieren können und die gut und wichtig für die Kinder sind. Übrig bleibt dann nur mehr die ökonomische Frage: Ist das, was in der Schule passiert und gelernt wird, „wirtschaftlich“ im Sinn von: Ist es nützlich, ist es effizient, ist das Wissen später brauchbar und so weiter.

So, und jetzt stelle ich mal eine Behauptung auf: Bei diesem Beispiel der österreichischen Wirtschaftsministerin, die fordert, dass sich die Gymnasien mehr am Markt orientieren… Ich behaupte, dass sich viele Menschen da draußen, in Österreich und in Deutschland, denken: „Ja, da hat sie ja recht!“ Und ich behaupte auch, das sich gerade in diesem Moment auch ein guter Teil meiner Hörerinnen und Hörer denkt: „Günter, ich verstehe nicht, was da dein Problem ist. Im Grunde stimmt es ja: Was nützt es denn, wenn die Kinder im Gymnasium sinnlose Sachen lernen, die sie später im Berufsleben nie mehr brauchen?“

So, und da muss ich jetzt Karl Marx ins Spiel bringen. 

Tauschwert vs. Gebrauchswert

Karl Marx ist etwas aus der Mode gekommen, das liegt auch daran, dass das Experiment des Kommunismus schrecklich schief gegangen ist. Aber ein Gedanke von Karl Marx ist für das Verständnis dieses Phänomens sehr hilfreich, finde ich, und den möchte ich euch jetzt vorstellen.
Karl Marx hat nämlich eine Unterscheidung getroffen, wofür das Wissen gut sein kann, das wir im Laufe unseres Lebens erwerben – eben zum Beispiel auch das Wissen aus der Schule. Es gibt für ihn zwei Arten von Wissen:

  1. Wissen mit Gebrauchswert
  2. Wissen mit Tauschwert

Wissen mit Gebrauchswert, das ist Wissen, das uns hilft, unser Leben besser zu meistern. Also Wissen, das wir direkt gebrauchen können. Das wäre zum Beispiel zu wissen, wie man Risotto kocht. Aber auch so Dinge wie zu wissen, wie man fair verhandelt oder Konflikte löst. Oder wie die Spielregeln beim Fußball oder beim Schach funktionieren. Oder wie man sich selbst organisiert. Wie man Verantwortung übernimmt. Das ist alles Wissen, das hat Gebrauchswert, weil wir es ganz unmittelbar in unserem Leben anwenden können, weil es uns als Individuen und im Zusammenleben mit anderen Menschen hilft.

Das Wissen mit Tauschwert ist da anders. Wissen mit Tauschwert ist für unser tägliches Leben nicht sehr nützlich, aber es ist Wissen, das wir später für etwas anderes eintauschen können – eben zum Beispiel für einen guten Job. Wissen mit Tauschwert, das wir in der Schule lernen, wäre zum Beispiel, wenn Kinder in einer wirtschaftlichen Schule Buchhaltung lernen. Oder Kinder in einer technischen Schule, wie man Konstruktionspläne zeichnet. 

Die Umsatzsteuer richtig verbuchen zu können, hat für eine 17-Jährige meistens null Gebrauchswert. Welcher Teenager hat schon ein eigenes Unternehmen, für das er oder sie die Buchhaltung machen muss? Aber dieses Wissen, wie die Buchhaltung funktioniert oder wie man einen Plan zeichnet, das hat unter Umständen Tauschwert. Weil das Wissen ist, das „sinnvoll“ für den späteren Berufsweg ist und gegen einen guten Job, ein schönes Gehalt oder eine aussichtsreiche Karriere eingetauscht werden kann. 

Okay, das mal in aller Kürze zum Unterschied zwischen Gebrauchswert und Tauschwert. Ich hoffe, ich konnte euch das einigermaßen verständlich erklären. Aber was hat das jetzt mit der Wirtschaftsministerin zu tun?

Naja, mit dem Wissen über Tauschwert und Gebrauchswert bekommt ihre Aussage eine zusätzliche Bedeutung. Was sie nämlich implizit (also nicht ausdrücklich, aber zwischen den Zeilen) sagt, ist Folgendes: Dass Gymnasien ihren Schülerinnen und Schülern mehr Wissen mit Tauschwert mitgeben sollen. Nämlich ein Wissen von der Art, das sie später im Berufsleben eintauschen können gegen gute Jobs, gute Bezahlung etc. Ihr geht es also in erster Linie um mehr Wissen mit Tauschwert.

Aber da sage ich jetzt: Moment! Das lässt sich auch anders denken! Wie wäre es denn, wenn die Gymnasien ihren Schülerinnen und Schülern nicht mehr Wissen mit Tauschwert, sondern mehr Wissen mit Gebrauchswert mitgeben würden? Wenn sie zum Beispiel mehr darüber lernen würden, wie man herausfindet, was einem wichtig ist im Leben? Was die eigenen Stärken und Schwächen sind? Oder, das wäre überhaupt mein Traum: Wenn sie in der Schule ein Unterrichtsfach hätten mit den Namen „Personal Project Kompetenz“! DAS wäre doch Wissen, das wirklich sinnvoll wäre, oder? Weil es eben für die Schülerinnen und Schüler Gebrauchswert hat, völlig unabhängig davon, was sie einmal beruflich machen werden.

Das Problem dabei allerdings: So ein Wissen hat (bis jetzt zumindest) relativ wenig Tauschwert. Das ändert sich langsam, aber im Grunde ist es in den Köpfen der meisten Menschen immer noch so, dass sie das Fach „Buchhaltung“ für „wertvoller“ halten als ein Fach, das sich vielleicht nennt „Persönlichkeitsbildung“. Weil es sich eben später zu Geld machen lässt.
Wenn wir also von der Ökonomisierung unseres Lebens reden, dann geht es genau um das Phänomen, dass wir den Tauschwert einer Sache vor dessen Gebrauchswert stellen. 

Und das betrifft natürlich auch unsere Personal Projects. In einer ökonomisierten Gesellschaft besteht die Tendenz, dass auch immer mehr Personal Projects dieser Marktlogik folgen, nach dem Motto: Wenn ich dieses Personal Project verfolge – was habe ich dann davon? Was bekomme ich dafür? Was bringt mir das? Oder, mit den Worten von Karl Marx: Was ist der Tauschwert dieses Personal Project? Bekomme ich für dieses Personal Project Geld, Lob, Anerkennung, Prestige, Status, Schulterklopfen, Likes oder Shares?

Und mein Aufruf ist jetzt: Personal Projects zu starten und in erster Linie deren Tauschwert im Auge zu haben, das tut uns nicht gut. Wir sollten lieber schauen, dass wir den Gebrauchswert unserer Personal Projects so hoch wie möglich halten. Also dass wir bei einem Personal Project wie der Berufswahl uns nicht fragen: „Mit welcher Ausbildung bekomme ich später mal den besten Job?“ Sondern eher: „Bei welcher Ausbildung habe ich schon während der Ausbildung die größte Freude?“ Oder eben nicht: „Welche Leute muss ich kennen, auf welche Networking-Events muss ich gehen, damit ich die richtigen Connections aufbaue? Sondern eher: „Mit welchen Menschen möchte ich Zeit verbringen, bei denen ich mich angenommen fühle, bei denen die Zeit wie im Flug vergeht und wo es mir nach dem Treffen besser geht als davor?“ Denn dann geben wir dem Gebrauchswert unserer Personal Projects mehr Gewicht als dem Tauschwert.

Und wenn jeder von uns in seinem Bereich, bei unseren eigenen Personal Projects darauf schauen, dass wir dem Gebrauchswert Vorrang geben vor dem Tauschwert, dann ist schon viel getan. Dann trifft jeder einzelne von uns Maßnahmen, um einer ungesunden Ökonomisierung unseres Lebens Einhalt zu gebieten. Und das ist nichts weniger als ein wert-voller Beitrag zu einer besseren Welt. 


Hör dir den Podcast gleich an!