S08E01: Interdependenz (#77)
Staffel 08

 
 
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Worum geht’s in dieser Folge?

Mit dieser Folge startet die 8. Staffel von [Projekt: Leben], und das Generalthema dieser 8. Staffel sind unsere „shared projects”, also jene Projekte, die wir gemeinsam mit anderen Menschen umsetzen – sei es, weil wir uns das freiwillig so ausgesucht haben oder sei es, weil wir diese Projekte von anderen Menschen auf’s Auge gedrückt bekommen haben. 
In gewisser Weise ist diese Staffel bzw. dieses Thema überfällig.

Rückblickend betrachtet habe ich mich sieben Staffeln lang mehr oder weniger mit Personal Projects aus Sicht der Einzelperson, aus Sicht des individuellen Personal Project Managers beschäftigt.

Diese Sichtweise war mir deshalb so wichtig, weil ich rüberbringen wollte, dass wir für unsere Personal Projects in erster Linie selbst verantwortlich sind. Wir können uns da auf niemanden ausreden, denn am Ende des Tages ist es UNSERE eigene Lebenszufriedenheit, die wir mit unseren Personal Projects bestimmen – zum Guten oder zum weniger Guten.

Diese Sichtweise hatte aber auch zur Folge, dass ich diese Eigenverantwortung, diese individuelle Verantwortlichkeit mitunter etwas überbetont habe. Klarerweise sind unsere Personal Projects ganz stark verknüpft mit anderen Menschen und deren Personal Projects. Wenn wir auf unsere eigenen Personal Projects schauen, dann sehen wir in Wirklichkeit ein dichtes Netz von Querverbindungen und Verzweigungen zwischen unseren eigenen Personal Projects und Menschen in unserer Umgebung. Und je näher uns diese Menschen stehen, desto stärker und häufiger sind diese Verzweigungen und Verbindungen.

Genau diesen Aspekt der Verzweigungen und Verbindungen möchte ich in dieser Folge ein bisschen genauer beleuchten. Ich möchte nämlich über das Konzept der „Interdependenz” sprechen, mit der sich diese ganz starke Vernetzung unserer Personal Projects mit den Personal Projects anderer Menschen sehr gut illustrieren lässt. 

Ich will mal versuchen, euch Interdependenz nicht theoretisch zu erklären, also mit Begriffsdefinitionen oder so, sondern anhand von zwei Blickwinkeln, die euch ein Gefühl dafür geben sollen, worum es bei Interdependenz geht. Interdependenz ist nämlich eines jener Dinge, wo ich finde, das versteht man am besten indirekt, indem man ein „Gefühl” dafür bekommt. 

Also, hier ist der erste Blickwinkel:

1. Gepflegte Abhängigkeiten

Vor ein paar Wochen war ich bei einem Vortrag von Andy Holzer. Andy Holzer ist ein Osttiroler Bergsteiger, der  auch den Mount Everest bestiegen hat. Gut, das machen mittlerweile ein paar Hundert Menschen pro Jahr, aber das Besondere bei Andy Holzer ist, das er blind ist. Er hat also als erster blinder Mensch den Mount Everest bestiegen. Eine großartige Leistung also.

Bei dem Vortrag von ihm ging es unter anderem eben auch um diese Everest-Besteigung, und er hat davon erzählt, dass das natürlich nur möglich ist, wenn man Menschen dabei hat, die einem dabei helfen. Er hatte also ein Team dabei, ohne das dieses Personal Project gar nicht möglich gewesen wäre. 

Andy Holzer hat das so beschrieben, dass er sich als blinder Mensch sein ganzes Leben lang in Abhängigkeit von Menschen befindet, die ihm Dinge ermöglichen, die er alleine nicht könnte. Und dann hat Andy Holzer etwas sehr Spannendes gesagt: Er achtet sehr darauf, dass diese Abhängigkeiten, die er da eingeht,  „gepflegte Abhängigkeiten” sind. „Gepflegte Abhängigkeit”, das finde ich ein wunderschönes Bild. Keine Abhängigkeiten, die uns schwach und hilflos machen, sondern Abhängigkeiten von Menschen, die uns dabei helfen, etwas Großes zu erreichen, das wir alleine nicht erreichen könnten. Gepflegt abhängig zu sein bedeutet also, sich bewusst in die Abhängigkeit begeben – und das nicht als Bürde, sondern als absolute Chance zu sehen. Sich darauf einzulassen. Projekte gemeinsam anzugehen und darauf zu vertrauen, dass das Ergebnis mehr ist als die Summe seiner Teile. Wir sind nämlich NICHT auf der Welt, um von anderen Menschen völlig unabhängig zu sein – sondern, um mit unserer Umwelt in Gegenseitigkeit zu leben. Um füreinander da zu sein. Andy Holzer hat das so zusammengefasst: „Wir brauchen einander bitter nötig. Am Anfang brauchen wir die Hebamme, am Schluss brauchen wir den Totengräber.“

2. Persönliches Wachstum

Der zweite Blickwinkel kommt von Stephen Covey, dem Autor des Buches „Die 7 Wege zur Effektivität”, einem echten Klassiker der Selbstmanagement-Literatur.

Stephen Covey sagt in dem Buch, dass Interdependenz das Ergebnis ist eines persönlichen Wachstumsprozesses, und dieser Prozess läuft in drei Phasen ab:

  1. Abhängigkeit. Wir sind von bestimmten Menschen abhängig, z.B. von einem Arbeitgeber oder einem Großkunden oder auch unseren Eltern oder unseren Ehepartnern. Irgendwie und irgendwann kommen wir drauf, dass uns diese Abhängigkeiten nicht gut tun, und wir beginnen gegen sie zu rebellieren.
  2. Unabhängigkeit: Wir lehnen alle Abhängigkeiten ab. Wir wollen selbst für unser Leben und unser Glück verantwortlich sein. Wir wollen das Steuer in der Hand haben, wir wollen uns nach niemandem richten müssen. Das Pendel schlägt sozusagen in die andere Richtung aus.
  3. Interdependenz: Das Pendel pendelt sich in der Mitte ein. Nachdem wir gelernt haben, unabhängig zu sein und für uns selbst zu sorgen, können wir in dieser Phase der Interdependenz wieder Abhängigkeiten oder vielleicht passender Kooperationen eingehen – und zwar aus einer Position der eigene Stärke heraus, der eigenen Unabhängigkeit. Nicht, weil wir uns abhängig machen müssen, sondern weil wir WOLLEN. Weil wir begreifen, dass wir uns selbst etwas Gutes tun, wenn wir uns von anderen Menschen in unseren Personal Projects helfen lassen, wenn wir andere Menschen in unseren Personal Projects mitarbeiten lassen, und wenn wir gleichzeitig zulassen, anderen Menschen bei DEREN Personal Projects zu unterstützen – nämlich ohne selbst etwas dafür zu wollen, außer dass dieses Projekt eines Menschen, der uns wichtig ist, zum Erfolg wird.

Wenn wir das jetzt auf unsere Personal Projects übertragen, dann könnte Interdependenz sowas sein wie die Erkenntnis, dass wir für viele unserer Personal Projects – vielleicht sogar für die meisten – andere Menschen BRAUCHEN, dass wir andere Menschen in unsere Personal Projects involvieren sollten. Nicht als ein Zeichen von Schwäche, sondern als ein Ausdruck von großer Selbstsicherheit und von großem Vertrauen. Stephen Covey bringt das so auf den Punkt: „Interdependenz ist zehnmal schwieriger als Unabhängigkeit. Kreative Zusammenarbeit erfordert ein enormes Maß an Unabhängigkeit, innerer Sicherheit und Selbstbeherrschung.”

Wenn wir die Stärke und die Magie dieser „gepflegten Abhängigkeiten” begriffen haben, dann beginnen wir vielleicht auch zu verstehen, wie essenziell es ist, dass auch wir eine Rolle spielen in den Personal Projects anderer Menschen, weil sie nur durch unser Mitwirken zur vollen Entfaltung kommen können. 

Um genau das in all seinen Facetten soll es in den restlichen Folgen dieser Staffel gehen: Shared Projects als jene Personal Projects, die wir gemeinsam mit anderen Menschen umsetzen – nicht aus Abhängigkeit, nicht aus Zwang, nicht als Bürde, sondern weil wir uns gegenseitig BRAUCHEN, um all das zur Entfaltung zu bringen, was uns das Leben an Möglichkeiten schenkt.

Zusammenfassung

Wenn ihr euch eine Sache aus dieser Folge mitnehmen sollt, dann wäre es das:

Interdependenz, das ist folgende Idee: Wir brauchen andere Menschen, die in unseren eigenen Personal Projects segensreich wirken und uns das ermöglichen, was wir alleine nicht schaffen können. Und gleichzeitig brauchen diese Menschen wiederum unsere wohlwollende Unterstützung in ihren eigenen Personal Projects, die sie ohne unser Mitwirken nicht zur vollen Entfaltung bringen könnten.