S08E04: Dürfen wir uns in die Personal Projects anderer einmischen? (#80)
Staffel 08

 
 
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Worum geht’s in dieser Folge?

Wir sprechen in dieser Staffel ja über unsere Shared Projects, also jene Projekte, die wir mit anderen Menschen gemeinsam durchführen dürfen, können oder müssen. Und in dieser Folge möchte ich mich einer speziellen Art von Shared Project widmen – nämlich jenen Projekten, die sozusagen gekapert werden. Projekte, in die sich andere Menschen in unserem Umfeld hineinreklamieren und quasi zu einem Shared Project machen. Oder auch umgekehrt: Projekte, in die wir uns hineinmischen und zu unseren eigenen machen. Wo wir mitunter ungefragt zu „Kümmerern“ werden. Es geht also um die Frage, ob und wann und in wie weit es okay ist, sich in die Personal Projects anderer Menschen einzumischen und diese Projekte damit zu Shared Projects zu machen. 

Und, das ist mir wichtig: Dieses „Einmischen“ ist gar nicht unbedingt negativ gemeint, sondern man könnte es auch so formulieren: Wann dürfen wir anderen Menschen in ihren Projekten unterstützen, wann dürfen wir ihnen zur Hand gehen, wann dürfen wir Ihnen eine Last abnehmen? 

Ich will versuchen, in dieser Folge eine Faustregel dafür aufzustellen, an die ich persönlich mich zu halten versuche. Das heißt nicht, dass man das nicht auch anders sehen oder machen kann, aber ich erzähle hier halt mal von meinem Zugang.

Aber fangen wir zuerst mal mit einer Geschichte an.

Die Italiener in Sambia

Diese Geschichte wird von Ernesto Sirolli erzählt. Ernesto Sirolli ist ein sehr interessanter Zeitgenosse. Er ist Italiener und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie man benachteiligte Regionen mithilfe von Entrepreneurship beleben kann. Besonders empfehlenswert ist ein TED-Talk von ihm aus dem Jahr 2012, wirklich großartig. Darin erzählt er die folgende Geschichte.

In den 1970er Jahren arbeitete Ernesto Sirolli als junger Mann sieben Jahre als Entwicklungshelfer in Afrika. Und er sagt, dass jedes einzelne Projekt, das sie damals in Afrika umsetzen wollten, schief gegangen ist. Jedes einzelne. Das hat ihn damals als 21-Jährigen ziemlich fertig gemacht. Er dachte damals nämlich: Wir Italiener, wir sind doch gute Menschen, und hier in Afrika leisten wir doch gute Arbeit! Und dennoch geht alles schief, was wir anfassen. Zum Bespiel das Projekt, wo Ernesto Sirolli und seine italienischen Kollegen den Menschen in Sambia zeigen sollten, wie man Gemüse anbaut. Sie kamen also in Süd-Sambia an, mit dem besten italienischen Saatgut, und sie kamen in ein wunderschönes fruchtbares Tal, das zum Sambesi-Fluss führte. Und sie zeigten den Leuten dort wie man italienische pomodori anbaut und Zucchini und so weiter. 

Aber die Einheimischen dort hatten überhaupt kein Interesse, beim Gemüse-Anbau mitzuarbeiten. Und die Italiener waren erstaunt, wie gut das Gemüse in diesem Tal wuchs. Und noch mehr verwundert waren sie, warum die Einheimischen hier nicht schon längst Gemüse anbauten. Also dachten sich die Italiener: Gott sei Dank, dass wir her gekommen sind und den Menschen endlich zeigen, wie sie sich selbst helfen können. Und alles wuchs hervorragend, es gab riesengroße pomodori und wunderbare Zucchini, und die Italiener konnten es gar nicht glauben und sagten den Sambiern: „Schaut, wie einfach Landwirtschaft ist, wenn man sich nur ein bisschen bemüht.“ Als das Gemüse dann reif war und bereit zur Ernte, kamen auf einmal 200 Nilpferde den Fluss herauf und fraßen ALLES auf. ALLES, ratzeputz. Und die Italiener waren schockiert und sagten: „Mein Gott, die Nilpferde!“ Und die Sambier sagten: „Ja, deswegen haben wir hier keine Landwirtschaft.“ „Aber warum habt ihr uns das nicht gesagt?“ „Ihr habt uns nie gefragt.“

In dieser Geschichte liegt für mich der Schlüssel zum Verständnis dafür, wie wir mit den Personal Projects anderer Menschen umgehen sollen und wie wir helfen können, ohne uns einzumischen.

Meine persönlichen Regeln

Also, was können wir aus Ernesto Sirollis Geschichte lernen – oder, was habe ich daraus gelernt?

  1. Regel: Ernesto Sirolli selbst formuliert das in seinem TED-Talk so: „If people do not wish to be helped, leave them alone.“ Also, wenn du nicht um Hilfe gebeten wirst, dann halte dich raus aus den Personal Projects anderer Menschen. Mach Personal Projects nicht ungefragt und ungebeten zu Shared Projects. „If people do not wish to be helped, leave them alone.“
  2. Regel: Und das ist eigentlich die Kehrseite der ersten Regel: WENN dich jemand um Hilfe bittet, WENN dich jemand in sein Personal Project einlädt, dann sei für ihn oder sie auch da. Wenn du eigeladen wirst zu helfen, wenn jemand sein Personal Project öffnet und zu einem Shared Project macht, dann hilf!
  3. Regel: Achtung: „Helfen“ bedeutet nicht, dass du das Projekt an dich reißt. Helfen bedeutet zuerst einmal: Mund halten und zuhören! Einfach mal zuhören, welche Art von Hilfe eigentlich gewünscht wird. Oder Fragen stellen, um herauszufinden, welche Rolle du in diesem Shared Project eigentlich spielen sollst. Nicht gleich loslegen wie die italienischen Entwicklungshelfer, nach dem Motto: „Gott sei Dank bin ich jetzt da, um dich und das Projekt zu retten.“ Sondern Mund halten und zuhören. Du kannst ruhig davon ausgehen, dass er andere etwas weiß, das du nicht weißt.
  4. Regel: Und das ist die Kehrseite der dritten Regel: Es ist in UNSERER Verantwortung, um Hilfe zu fragen. Wenn wir Hilfe bei unseren Personal Projects brauchen, oder wenn wir Projekte mit anderen Menschen umsetzen möchten, dann liegt es an uns, diese Projekte zu öffnen und andere Menschen in diese Projekte einzuladen. Wir dürfen nicht da sitzen und warten, bis endlich jemand unser Elend erkennt und sich unser erbarmt. Nein, es liegt an uns. Bittet, und es wird euch gegeben.
  5. Die 5. Regel ist jetzt die Ausnahme von den anderen vier Regeln: Ich habe für mich festgestellt, dass es EINEN Fall gibt, wo man sich tatsächlich ungefragt einmischen darf – bis zu einem gewissen Maß zumindest. Und das ist, wenn Menschen wirklich in schweren Krisen sind. Wenn jemand schwer verletzt am Boden liegt, warte ich nicht, bis ich zum Helfen eingeladen werde. Und genauso ist es auch bei schweren persönlichen Krisen wie Krankheit oder Trennung oder Tod. Da ist es aus meiner Sicht okay, ja mehr noch: Da ist es aus meiner Sicht geboten sich einzumischen, und zwar um dabei zu helfen, dass dieser Mensch wieder festen Boden unter den Füßen bekommt. Also da dürfen wir ungefragt was zu essen vorbei bringen oder Besorgungen erledigen und so weiter. Menschen in solchen Krisensituationen sind oft nicht fähig, um Hilfe zu fragen, weil sie gar nicht mehr einschätzen können, was sie brauchen oder was ihnen gut tut. Oder weil es in solchen Situationen viel zu demütigend wäre, von selbst um Hilfe zu fragen. 

Aber ansonsten bleibe ich bei der Regel:  „If people do not wish to be helped, leave them alone.“ Und gleichzeitig: Wenn mich jemand um Hilfe bittet, dann versuche ich auch zu helfen. Nämlich indem ich zuerst mal meinen Mund halte und zuhöre. Das gelingt mir mal besser und mal weniger gut, aber ich denke, es lohnt sich dranzubleiben.

Zusammenfassung

Wenn du dir eine Sache aus dieser Folge mitnehmen sollt, dann wäre es das: 

Ich halte es für das Beste, sich nicht ungefragt in die Personal Projects anderer einzumischen. Wenn du helfen möchtest, dann warte darauf, bis du eingeladen wirst oder frag aktiv nach, WIE du helfen kannst. Gleichzeitig bedeutet das aber auch: Wenn DU Hilfe in einem Projekt brauchst, dann liegt es an dir, dieses Projekt zu einem Shared Project zu machen und andere Menschen aktiv zum Helfen einzuladen. Es gibt aus meiner Sicht nur eine einzige Ausnahme, und das sind Menschen in Krisensituationen, denen darf und soll man in gewissen Grenzen auch ungefragt helfen.

Link: Ernesto Sirollis TED-Talk: „If you want to help someone, shut up an listen.“