S09E05: Selbst-initiierte Trennungsprojekte (#91)
Staffel 09

 
 
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Worum geht’s in dieser Folge?

Es geht um Trennungsprojekte, also um Personal Projects, wo wir uns von etwas trennen. Das kann ein Job sein, ganz allgemein ein Personal Project, aber auch ein Lebenspartner, ein Freund oder sonst irgendetwas oder irgendjemand in unserem Leben.
Und da diese Trennungsprojekte sehr oft für uns emotional sehr belastend sind, weil wir uns mit Trennungen in der Regel sehr schwer tun, zähle ich diese Trennungsprojekte zu unseren dunklen und düsteren Projekten, um die es ja ni dieser Staffel von [Projekt: Leben] geht.
Wenn wir von Trennungsprojekten reden, dann ist es ganz am Anfang wichtig zu unterscheiden, von wem die Trennung denn eigentlich ausgeht. 

  • Zum einen sind da Trennungen, wie WIR SELBST vollziehen, die wir selbst einleiten – oder, wissenschaftlicher ausgedrückt: Trennungen, die selbst-initiiert sind. Um diese Projekte geht es in dieser Folge des Podcasts.
  • Dann sind da aber natürlich auch noch Trennungen, die nicht von uns selbst ausgehen, die wir uns nicht ausgesucht haben, mit denen wir mitunter überhaupt nicht gerechnet haben und die von anderen Menschen eingeleitet wurden. Das heißt, das sind fremd-initiierte Trennungsprojekte, und um diese wird es in der nächsten Podcast-Folge gehen.

Okay, jetzt soll es aber mal um die selbst-initiierten Trennungsprojekte gehen, also um jene Projekte, wo wir selbst beschließen, dass wir uns von etwas oder jemand trennen wollen.

Die Kardinalfrage bei dieser ganzen Sache lautet ja: Wie soll ich wissen, ob es eine gute Idee ist, so ein Trennungsprojekt zu starten? Oder soll ich nicht doch lieber bei dem bleiben, was ich habe – zwar nicht ideal, aber wer weiß, was nachkommt? Und selbst wenn ich einigermaßen sicher glaube, dass es eine gute Idee ist, bleibt immer noch die Frage: Ist es JETZT eine gute Idee, oder soll ich lieber nicht doch noch ein bisschen zuwarten? 
Um genau dieses Dilemma zu lösen oder zumindest ein bisschen eine Entscheidungshilfe zu bieten, gibt es die bekannte Formel:

  • Love it
  • change it
  • or leave it

Ich möchte mir in dieser Folge diese Formel etwas genauer ansehen und ein paar aus meiner Sicht sehr wichtige Hinweise für den Umgang mit dieser Formel geben. Ich halte dieses „Love it, change it, or leave it” grundsätzlich für sehr brauchbar, um zu einer Entscheidung zu kommen – aber nur, wenn man ein paar wichtige Dinge dazu sagt.

Love it

Und das fängt schon mit dem ersten Punkt an: Love it.
Ich glaube, dass mit diesem Punkt einige Missverständnisse mitschwingen, die es wert sind, genauer hinzusehen. 

Zum ersten ist da mal die Frage: Was ist mit „love it” überhaupt gemeint? Ich glaube, wir Deutschsprachige müssen da ein bisschen aufpassen: Wenn ein Englischsprachiger sagt „I love this!”, oder „I’m lovin‘ it”, dann ist das nicht die Liebe, wie wir es in Deutsch meinen. „Love it” bedeutet also nicht, dass du ein Projekt oder eine Beziehung zu jedem Zeitpunkt wirklich lieben musst. „Love it” glaube ich lässt sich gut übersetzen mit „gefällt mir”. Ein Projekt, das wir „lieben”, ist also aus meiner Sicht eines, das uns alles in allem, die meiste Zeit über gefällt. Das bedeutet nicht, dass dieses Projekt immer perfekt sein muss, und das bedeutet auch nicht, dass wir in Momenten, wo ein Projekt mal nicht ideal läuft, gleich die Flinte ins Korn werfen sollen.

Von Joan Armatrading gibt es ein Lied das heißt „More than one kind of love”. Und ich glaube, das ist auch ein gutes Motto, wenn wir uns überlegen, ob dieses „love it” auf etwas zutrifft, von dem wir uns potenziell trennen wollen. „More than one kind of love” kann auch bedeuten, dass etwas zwar nicht perfekt ist, aber immerhin gut genug. Ich glaube, wir neigen häufig dazu, unzufrieden zu werden, wenn ein Projekt oder eine Beziehung „nur” gut genug und nicht (oder nicht mehr) perfekt ist. „More than one kind of love” kann aber auch bedeuten, dass etwas zwar im Moment alles andere als super ist, aber wir das Potenzial sehen, dass sich in Zukunft etwas verbessert, wenn wir jetzt dran bleiben. Oder es kann auch bedeuten, dass wir ein Projekt wirklich nicht lieben, aber wir trotzdem Sinn in diesem Projekt sehen, dass wir uns dadurch nützlich und gebraucht fühlen und dass wir deswegen dran bleiben möchten. 

Also, mein Tipp: Bevor du die Frage für dich beantwortest, ob du ein Projekt „liebst” oder nicht, denk daran, dass es viele Arten von Liebe für ein Projekt oder eine Beziehung oder einen Menschen geben kann und dass etwas nicht perfekt sein muss, um liebenswert zu sein.

Change it

Auch da finde ich es wert, einen Moment innezuhalten und diesen Punkt genauer anzusehen. Wenn wir drauf gekommen sind, dass „love it” aus welchem Grund auch immer nicht funktioniert, dann stellt sich also die Frage: Kann ich irgendetwas verändern, damit irgendeine Art von Liebe wieder zurückkehrt?

Und da sagt meine Erfahrung – die eigene Erfahrung und die Erfahrung mit Trennunsprojekten anderer Menschen – dass wir da mitunter ziemlich schnell drübergehen. Wenn du also so ein Trennunsprojekt startest und zu dem Punkt „change it” kommst, dann frag dich: Habe ich wirklich versucht, was zu verändern? Nämlich WIRKLICH? Also hast du die unangenehmen Gespräche geführt, die notwendig gewesen wären, um wirklich was zu verändern? Hast du die schwierigen Entscheidungen wirklich getroffen? Hast du darüber gesprochen, was dir wichtig wäre, was dich stört, was dich unglücklich macht? Hast du dem Projekt wirklich eine ehrliche Chance gegeben, sich zu verbessern?

Ich glaube, wir machen uns die Sache manchmal ein bisschen zu leicht wenn wir sagen: „Ach was, da kann man eh nichts mehr machen. Ich habe eh schon alles versucht.” Wenn du ehrlich für dich sagen kannst, dass du wirklich alles versucht hast, was dir einfällt, um die Situation zu verbessern, dann: Respekt. Aber wenn du auch nur den Funken eines Zweifels daran hast, dann lohnt es wahrscheinlich, diesen einen Versuch noch zu starten – nicht halbherzig, sondern aus vollem Herzen, um dir und dem Projekt gegenüber ehrlich zu sein und zu bleiben.

Leave it

Wenn in dem Projekt wirklich Hopfen und Malz verloren ist, dann wird es Zeit, sich davon zu trennen. Projekte wieder loslassen zu können ist mindestens genauso wichtig, wie Projekte zu starten. Überhaupt finde ich, dass die Art und Weise, wie jemand Projekte oder Beziehungen beendet, viel über diesen Menschen aussagt. Projekte mit Takt und Gefühl und einer gewissen Seriosität zu beenden, ist eine Kunst für sich.
Zu einem gelungenen „leave it” möchte ich ein paar Hinweise gehen, die vielleicht beim Gelingen helfen können:

  1. Ganz am Anfang steht, dass du dir selbst die Erlaubnis geben solltest, ein Trennungsprojekt auch durchzuziehen, wenn es anstrengend und mühsam und vielleicht auch schmerzhaft ist, wenn es aber für dich die richtige Entscheidung ist. Das Leben ist kein Ponyhof, und das gilt ganz besonders auch für Trennungsprojekte, die ganz besonders unangenehm sein können. Aber aus Angst davor in Projekten zu bleiben, die dir nicht gut tun, ist auch keine Lösung.
  2. Dokumentieren. Mir hilft es immer sehr gut, wenn ich mir die Gründe aufschreibe, die dazu geführt haben, dass ich mich von etwas trennen will. Ich schreibe mir genau auf, warum ich diese Entscheidung getroffen habe. Das ist nämlich in den Momenten sinnvoll, wenn ich ins Zweifeln komme, ob die Trennung wirklich so eine gute Idee war – und diese Momente des Zweifels werden kommen! Dann kann ich die Gründe nachlesen und im besten Fall wieder einsehen, warum ich die Entscheidung nur so und nicht anders treffen konnte.
  3. Man sieht sich immer zweimal im Leben. Das gilt besonders für Trennungen, die Beziehungen betreffen, auch Beziehungen am Arbeitsplatz. Trennungen, auch wenn sie schmerzvoll sind oder aus einem tiefen Frust resultieren, sollten dennoch immer mit so viel Würde oder Professionalität gehandhabt werden, dass man keine verbrannte Erde zurücklässt.
  4. Projektversickerung. Manchmal ist es die beste Lösung für ein Projekt, es einfach versickern zu lassen. Soll heißen: Es einfach auslaufen zu lassen, indem man ihm immer weniger Aufmerksamkeit und Energie schenkt. Also nicht den großen Trennungsstrich zu ziehen, sondern ganz bewusst zu entscheiden, das Projektpflänzchen einfach nicht mehr zu gießen. Wenn das eine bewusste Entscheidung ist, dann ist aus meiner Sicht nichts gegen diese Projektversickerung einzuwenden. Problematisch ist es aus meiner Erfahrung nur, wenn Projektversickerung keine bewusste Entscheidung ist, sondern aus einer gewissen Feigheit resultiert. Dann tut man sich damit langfristig keinen Gefallen.

Okay, das waren mal meine Überlegungen zur Entscheidungsformel „Love it, change it, or leave it”. Ich hoffe, es war für dich was Hilfreiches dabei.

Noch ein Gedanke…

Zum Abschluss noch ein Gedanke, den ich von der Psychologin Esther Perel habe. Esther Perel wurde in einem Podcast unlängst gefragt, wie man denn wissen soll, ob es besser ist, sich zu trennen oder doch besser noch durchzuhalten. Und sie hat darauf gemeint, dass es die „story of our lives” ist, dass wir unser Leben lang damit hadern, dass wir uns manchmal wünschten, wir hätten uns früher getrennt, und dass wir uns ein anderes mal wünschten, wir wären länger dabei geblieben. Es ist aus ihrer Sicht für uns unmöglich zu wissen, wann der richtige Zeitpunkt zu einer Trennung ist, und wir müssen uns darauf einstellen, dass wir unser Leben lang von den Zweifeln begleitet werden, ob es die richtige Entscheidung war. Das bleibt uns nicht erspart. Also sollten wir gar nicht versuchen, die perfekte Entscheidung zu treffen oder den perfekten Zeitpunkt zu finden. Jede Entscheidung ist falsch, jeder Zeitpunkt ist falsch, genauso wie jede Entscheidung und jeder Zeitpunkt der richtige ist. Wir können es nicht wissen, deswegen sollten wir uns deswegen nicht quälen. 

„Life is a series of hellos and goodbyes”, sagt Billy Joel in seinem Song „Say Goodbye To Hollywood”. Das beste, was wir tun können, ist bewusste Entscheidungen zu treffen und Verantwortung für unsere Trennungsprojekten zu übernehmen. Mit den Konsequenzen unserer Trennungsprojekte – mit denen, die wir durchziehen genauso wie mit denen, die wir unterlassen – werden wir unser Leben lang leben müssen, das wird uns nicht erspart bleiben. Aber, als kleiner Trost: Das ist keinem Menschen seit Anbeginn der Zeiten  jemals anders gegangen.