S09E08: Der eigene Tod (#94)

 
 
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Worum geht’s in dieser Folge?

In unserer Staffel über dunkle und düstere Projekte sind wir vielleicht beim düstersten Projekt überhaupt angekommen, nämlich bei unserem eigenen Tod.

Ja, ich behaupte, auch unser Tod ist ein Personal Project, und düster ist es allein schon deswegen, weil wir so gut wie nie darüber reden. Oder wann hast du zuletzt mit jemandem über deinen Tod gesprochen? Wir mögen da auch nicht so gern daran denken, weil wir nicht wissen, was uns da erwarten wird, weil uns das Angst macht und weil wir sowieso und überhaupt noch ganz jung sind und so viel zu tun haben und wir uns auf diese Weise immer wieder vorgaukeln, dass der Tod ausgerechnet uns nicht betreffen würde.

Das ist natürlich Unsinn, so schmerzvoll es auch sein mag, daran zu denken. Ich möchte in dieser Folge aber mal den Finger in die Wunde legen und sagen: Wir werden alle sterben, und ich bin der Meinung, dass es besser ist, sich lieber früher als später damit auseinander zu setzen.

Ich will aber jetzt keine Folge aufnehmen nach dem Motto: Wie wir uns am besten mit dem Tod konfrontieren können und wie wir lernen, mit ihm umzugehen und all das, was in so Büchern steht wie „5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen”. Nicht, dass das nicht sinnvoll wäre, aber ich mache ja einen Podcast über Personal Projects, also will ich mich dem Thema auch aus der Sicht eines Personal Project Managers nähern
Was ich nämlich spannend an dem Personal Project „Eigener Tod” finde – und ich hoffe, das klingt jetzt nicht zu makaber -, ist, dass das ein extrem gutes weil extrem radikales Beispiel dafür ist, wie eng miteinander verwoben unsere eigenen Personal Projects mit den Personal Projects anderer Menschen sind. Es ist ein richtiges Spinnennetz an Personal Projects, das wir im Laufe unseres Lebens weben und wo unser Spinnennetz ganz eng verknüpft ist mit den Spinnennetzen anderer Menschen. 

Jetzt könnte man nämlich her gehen und sagen: „Geh bitte, Günter, was kümmert mich mein eigener Tod und alles, was danach ist? Das werde ich nicht mehr erleben, da kann ich dann sowieso nix mehr machen.” Und das hat ja auch was für sich, aber es ist halt auch ein bisschen zu kurz gedacht. Weil nämlich: Nur weil du stirbst, stirbt nicht das Personal Project. Mit anderen Worten: Personal Projects bestehen in gewisser Weise unabhängig von uns. Wenn wir sterben, bleibt das Projekt unseres Todes bestehen, aber jetzt müssen sich eben andere darum kümmern. 

Wenn wir also sagen, unser eigener Tod betrifft uns nicht, dann stimmt das zwar, aber wir haben trotzdem zu Lebzeiten Verantwortung für das Personal Project, um das sich nach unserem Tod nämlich unsere Hinterbliebenen, unserer Familie, unsere Ehepartner, unsere Kinder kümmern müssen. Und wenn wir die Arbeit in diesem Projekt nicht erledigen, dann müssen die das tun. Und da ist halt die Frage: Will ich das? Will ich den kompletten Workload des Projekts meines eigenen Todes meinen Nachfahren überlassen? Kann ich machen, aber ich find’s ehrlich gesagt keine gute Idee und auch nicht das, was ich mir unter einem verantwortungsvollen Personal Project Management vorstelle.

Na gut, was bedeutet es denn jetzt konkret, Verantwortung für das Personal Project seines eigenen Todes zu übernehmen? Aus meiner Sicht bedeutet das, dieses ganze Projekt-Packerl so leicht wie möglich für deine Nachfahren zu machen – denn dieses Projekt ist eines, das du garantiert übergeben werden musst. Und dabei geht es vor allem um die Dinge, auf die du zu Lebzeiten schon Einfluss nehmen kannst. Natürlich weißt du nicht, wann und unter welchen Umständen du sterben wirst. Aber es ist ziemlich sicher, dass du ein Begräbnis brauchen wirst. Also kannst du heute schon daran arbeiten, wie dein Begräbnis aussehen soll, wie du bestattet werden willst, wer wie von deinem Ableben verständigt werden soll und so weiter.

Wenn du Familie hast, wäre es auch sehr verantwortungsvoll, wenn du ein Testament hinterlässt, wo du genau geregelt hast, wie dein Erbe aussehen und verteilt werden soll. Und die ultimative Verantwortung übernimmst du dann, wenn du dieses Testament nicht nur im Stillen für dich hinschreibst, sondern es zu Lebzeiten schon mit allen besprichst, die es betrifft. Damit kannst du eventuell schon Unstimmigkeiten und größere und kleinere Probleme rechtzeitig ausräumen.

Oder hast du dir Gedanken darüber gemacht, was mit deinem „digitalen Erbe” geschehen soll? Deinen Social Media Accounts? In meinem Fall: Dieser Podcast oder meine Websites? Was soll damit sein, wenn du nicht mehr lebst? Wer soll sich darum kümmern – und wie?

Natürlich sind das alles keine angenehmen Fragen. Natürlich ist es kein lustiges Projekt, sich solche konkreten Gedanken über seinen eigenen Tod zu machen. Deshalb ist es ja ein dunkles und düsteres Projekt. Aber nochmals: Nur, weil du nicht darüber nachdenken willst, geht das Projekt nicht weg. Du kannst das Projekt zwar ignorieren, aber es bleibt da. Und wenn du dich nicht drum kümmerst, dann werden es deine Nachfahren machen müssen – noch zusätzlich zur Trauerarbeit, die sie ohnehin leisten werden. 

Wenn das für dich okay so ist, dann ist das natürlich in Ordnung. Aber ich persönlich bin der Meinung, dass ich dieses Projekt so leicht wie nur irgendwie möglich für meine Nachfahren machen möchte. Was kann das konkret bedeuten, also in meinem Fall?

  • Ich schreibe gerade mein Testament, wo es nicht nur darum geht, wer meine Sachen bekommen soll, sondern auch um so schwierige Sachen wie die Obsorge für die Kinder.
  • Ich habe mit meiner Frau über alle Passwörter, Bankkonten, Versicherungen etc. gesprochen. Es gibt ein Dokument, wo diese Informationen immer aktuell gehalten werden und womit sie sich darauf verlassen kann, dass sie alle Informationen haben wird, die sie braucht, auch wenn ich nicht mehr ansprechbar bin.
  • Ich lege genau fest, wie ich bestattet werden will und wie mein Begräbnis aussehen soll. Bis hin zur Musik, die gespielt werden soll.
  • Ich mache mir Gedanken darüber, was ich meinen Kindern hinterlassen will, und zwar nicht nur finanziell, sondern auch an emotionalen Dingen von mir.
  • Und so weiter. 

Mag sein, dass das vielleicht für den einen oder die andere da draußen befremdlich oder makaber klingt. Ganz ehrlich: Für mich ist das auch kein lustiges Projekt. Es macht mir keinen Spaß, über Ablebensversicherungen zu recherchieren oder mir anzuschauen, was ein Holzsarg kostet. Aber es bleibt trotzdem MEIN Personal Project, für das ich Verantwortung habe – ob mir das nun gefällt oder nicht. Und ich weiß, dass mir meine Familie dafür einmal sehr dankbar sein wird. 

Und ich lade dich sehr herzlich dazu ein, ebenso Verantwortung für das Projekt deines eigenen Todes zu übernehmen und im Diesseits schon das zu regeln, wozu du im Jenseits keine Gelegenheit mehr haben wirst.